Noch sind sie ehrenwerte Honoratioren, gleich finden die Zuschauer sie als Lehrer wieder und den Dr. Johannes Pfeiffer (Zweiter
Noch sind sie ehrenwerte Honoratioren, gleich finden die Zuschauer sie als Lehrer wieder und den Dr. Johannes Pfeiffer (Zweiter von rechts Tommaso Cacciapouti) als Pennäler Hans. (Foto: Helmut Voith)
Helmut Voith

Mit der „Feuerzangenbowle“ nach dem Roman von Heinrich Spoerl hat das Altonaer Theater am Sonntagnachmittag im fast vollen Graf-Zeppelin-Haus ein längst zum Kultstück gewordenes Werk ganz vorzüglich auf die Bühne gebracht. Was am dortigen Theater in der Inszenierung von Intendant Axel Schneider seit 1997 ein Renner ist, hat auch in Friedrichshafen herzlich amüsiert.

Raffiniert aufgebaut ist die Bühne: links als Hauptschauplatz das Klassenzimmer der für ihre Streiche berühmten Oberprima, daneben die schnuckelige Ecke, wo bei dampfender Bowle eine total verrückte Idee aufkommt: Im Herzen sind die vornehm gekleideten Honoratioren jung geblieben, haben sich aus ihrer Lausbubenzeit einiges bewahrt und bekommen feuchte Augen, wenn sie von ihren Streichen erzählen. Als sie erfahren, dass der erfolgreiche junge Schriftsteller Dr. Pfeiffer nur von Hauslehrern unterrichtet wurde, wird rasch der Plan geschmiedet, ihn als Pennäler einzuschmuggeln, denn jemand, der sein Abitur nicht auf der Penne gemacht habe, sei doch eigentlich gar kein Mensch... Eine Etage höher findet sich die „Bude“, in der der neue Schüler alsbald logiert, wie das in früherer Zeit durchaus üblich war.

Alle finden wir wieder: den Direktor, Professor Crey und Professor Bömmel, dazu die „Schöler“, den kleinen Luck, Knebel, Husemann, Ackermann, den langen Rosen und Melworm. Herrlich, wie die verschiedenen Schülertypen gezeichnet werden, wie sie auf die Lehrer reagieren. Auch wenn die Herren Professoren ihren Unterricht im Gehrock halten, gelegentlich in verschiedenfarbigen Socken, wobei die Schuhe hoch oben auf dem Katheder stehen – es macht einfach Spaß, wie sich hier eine der Realität entrückte Traumwelt in ihrer eigenen Logik etabliert. Spoerls Roman entstand in der Nachfolge von Ludwig Thomas „Lausbubengeschichten“ schon 1933, der Kultfilm mit Heinz Rühmann 1944, doch herzlich lachen kann man heute noch darüber.

Merkwürdig und sehr fortschrittlich ist, dass die Tochter des Herrn Direktor als Referendarin den Schülern Musik unterrichten darf, aber so genau darf man den irrwitzigen Traum nicht immer nehmen. Jedenfalls spielt Nadja Wünsche mit Liebreiz die hübsche Eva, die letztlich nicht den Oberschüler, sondern den Dr. Johannes Pfeiffer bekommt, während sie als anspruchsvolle Braut Marion leer ausgeht. Herzensgut ist Monika Häckermann als Vermieterin Witwe Windscheid, köstlich verschroben als Oberschulrätin. Köstlich verschroben ist auch das übrige Lehrpersonal. Klaus Falkhausen ist ein Direktor „Zeus“, der das Herz am rechten Fleck hat, auch wenn er das gelegentlich hinter Poltern verstecken muss. Mit einer Träne im Knopfloch spielt Franz-Josef Dieken den Professor Bömmel – „Da stelle mer uns janz dumm...“ –, mächtig streng Olaf Paschner den Professor Crey: „jeder nur einen wönzigen Schlock“.

Tommaso Cacciapouti ist der angeblich neugierig die Welt der Penne erkundende Schüler Pfeiffer, der in Wahrheit einiges mehr draufhat als der versammelte Lehrkörper, dies aber gut zu verstecken weiß. Sechs verschiedene Schülertypen werden lebendig. Da werden Erinnerungen wach, vielleicht auch an die erste Schülerliebe, sicher an eigene Streiche. Das Stück lässt eintauchen in eine längst überlebte Welt, deren Probleme dennoch keineswegs altbacken sind, nur anders. Häufige amüsierte Lacher und der Beifall zeigten, dass das Kultstück in vollen Zügen genossen wurde.

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