Claus Peymann trifft das Künstlergesindel

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Bunte Konfetti auf einem Thron. Das ist es, was beim Schlussapplaus im Scheinwerferlicht steht. Der Thron ist eigentlich ein Ohrensessel, und eben saß noch Claus Peymann darauf.

Weil der 81-jährige Peymann aber in Personalunion Kaiser und Papst des deutschsprachigen Theaters ist, passt das Wort Thron besser – zumal er gerade einen Text des Königs der misanthropischen Literatur gelesen hat: „Holzfällen“ von Thomas Bernhard. Lange Jahre waren Bernhard und Peymann miteinander „nicht befreundet, aber verbunden“, sagt Peymann zur Einführung. „Ich habe viele seiner Stücke inszeniert“, fährt er fort. „Auch sein letztes, am Wiener Burgtheater: ’Heldenplatz’. Es führte zu einem der größten Theaterskandale in der europäischen Nachkriegstheatergeschichte.“ Peymann spricht hier ohne falsche Selbstironie. Er ist sich des Rangs sehr bewusst, den er eben auch zusammen mit Bernhard erklommen hat.

Erregungskünstler erster Klasse

Wie Bernhard ist Peymann ein Erregungskünstler; einer, der sich gern erregt, auch um andere damit aufzuregen. „Eine Erregung“ ist auch der Untertitel von „Holzfällen“; Bernhards Monolog, der eine einzige Hasstirade auf die Wiener Künstler- und Mäzenatenszene darstellt. Eingeladen zu einem „künstlerischen Abendessen“, sitzt ein Schriftsteller im besagten Ohrensessel und monologisiert sich angesichts des versammelten Packs stumm in Rage.

Bernhard hat Peymann wiederholt zur literarischen Figur gemacht – auch in „Holzfällen“; und so kommt es, dass Peymann im Ohrensessel sitzt, in halbszenischer Lesung diesen angewiderten Schriftsteller verkörpert und vorträgt, was Bernhard über ihn selbst, Peymann, geschrieben hat. Gut kommt er weg dabei, sehr gut sogar – auch, weil Bernhard die eingeladenen Künstler nur zitieren lässt, was die Zeitungen über Peymann geschrieben haben, dem damals künftigen Direktor des Wiener Burgtheaters: „Ein Theaterberserker!“, liest Peymann kraftbebend. „Ein elementarer Theatermensch, wie ihn das Burgtheater seit 100 Jahren nicht mehr gesehen habe!“ Dann grinst er, greift in die Tasche und lässt einen bunten Konfettiregen auf sich niedergehen.

Burlesk und bitter ist diese Lesung, und damit von Peymann ideal inszeniert. Denn der Gegensatz von Bitterkeit und Burleske bedingt einander bei Bernhard, der in seinen abgrundtiefen Verdammungsphantasien auch die Gipfel einer sprachlich überzogenen Komik besteigt. Die „verderblichste“, „schädlichste“ oder auch „vernichtendste“ Gesellschaft, in der dieser Schriftsteller leben muss, versorgt ihn zugleich mit der einzigen Luft, in der er zu atmen vermag: einer giftigen. Bei den Gastgebern wie bei den Gästen dieses „künstlerischen Abendessens“ wittert er Verfall, Korruption, Opportunismus, Aufgeblasenheit. Im Ohrensessel belauert er sie. „Alle diese Leute im Musikzimmer waren ja einmal tatsächlich Künstler. Oder wenigstens Kunsttalente“, liest Peymann und zieht seine Stimme ins Angewiderte: „Jetzt sind sie alle nurmehr noch ein einziges Kunstgesindel. Ich brauche nur zu hören, was sie sagen. Ich brauche sie nur anzuschauen.“ Peymann blättert sein Manuskript um, als würde er Ohrfeigen verteilen. Eine kontrollierte Lust an der Empörung reißt seine Stimme von Satz zu Satz, hebt ihn hoch über die Beschimpften hinaus – und dann stürzt er sich mit feinster Ironie auf einen Burgschauspieler, dessen Eitelkeit er genießerisch herausstellt, wie es nur einer kann, der nicht anders gelagert ist.

Peymann stand im Zentrum der Wiener Kunstwelt. Sich von ihr abgrenzen will er nicht, Bernhard wiederum konnte es nicht, so vehement er es auch versuchte. Am Schluss steht ein Satz, mit dem Bernhard sich ins Herz schauen lässt: „Ich dachte, dass diese Menschen, die ich immer gehasst habe und immer hassen werde, doch die besten Menschen sind.“

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