Chor beschwört die Brüderlichkeit aller Menschen

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Thomas Gropper dirigiert beim Neujahrskonzert im GZH Beethovens Neunte mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz, dem Chor
Thomas Gropper dirigiert beim Neujahrskonzert im GZH Beethovens Neunte mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz, dem Chor aus Arcis-Vocalisten und Birnauer Kantorei und dem Solistenquartett Barbara Baier, Regine Jurda, Bernhard Gärtner und Timoth (Foto: Chv)
Schwäbische Zeitung
Christel Voith

Beethovens Vertonung von Schillers „Ode an die Freude“ ist offizielle Hymne des Europarats und der Europäischen Union, sie ist anlässlich des Falls der Berliner Mauer gespielt und in der Fassung von Miguel Ríos als „Song of Joy“ millionenfach verkauft worden. Auch beim Neujahrskonzert im ausverkauften Graf-Zeppelin-Haus hat das eindringliche Chor-Finale von Beethovens neunter Sinfonie seine überwältigende Wirkung gezeigt.

Es war ein Novum, dass das Kulturbüro in Friedrichshafen für das Gastspiel der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz am Dreikönigstag nicht das heitere Neujahrsprogramm gewählt hatte, wie es auch in diesem Jahr an Neujahr beim Salemertal-Konzert in Frickingen erklang, sondern Beethovens neunte Sinfonie, die der Musikkritiker Joachim Kaiser die berühmteste Sinfonie der Musikgeschichte nennt. Eine wegweisende Revolution war es, dass Beethoven wider alle Gesetze seine Sinfonie mit festlichem Chorklang beendete. Die Brüderlichkeit aller Menschen, die er beschwor, ist eine Hoffnung, die auch in unserer Zeit ihre Gültigkeit hat.

Imposanter Chor

Gewaltig tönte den Zuhörern im GZH das „Freude schöner Götterfunken“ vom über hundertköpfigen Chor entgegen, denn unter dem Dirigat von Thomas Gropper, Professor an der Musikhochschule München, stand nicht nur die von ihm geleitete „Birnauer Kantorei“ auf der Bühne, sondern zudem rund 50 „arcis-vocalisten“ aus München, ein 2005 vom Gesangspädagogen Gropper gegründetes Ensemble mit Sängerinnen und Sängern, die größtenteils eine Gesangsausbildung haben.

Beeindruckend war, wie das Orchester im Finalsatz erst noch einmal Themen der vorausgehenden Sätze aufnahm, ehe die Oboen fast zaghaft das Thema anstimmten, das bald alle Stimmen durchwanderte, zum Aufruhr wurde, ehe klar und deutlich der Bariton einsetzte: „O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere.“ Im Wechsel mit dem Chor, der in guter Balance mit dem Orchester die Hymne immer überschwänglicher werden ließ, sangen die Solisten, einzeln oder im Quartett. Harmonisch hat sich Einspringer Bernhard Gärtner als Tenor eingefügt ins Quartett mit Sopranistin Barbara Baier, Altistin Regine Jurda und Bariton Timothy Sharp.

Wie ein Vorspiel erschienen nun die vorangehenden Sätze, vornehmlich der erste, der trotz heftiger Körpersprache des Dirigenten merkwürdig distanziert und gedämpft vorübergezogen war. Dramatischer arbeitete Gropper mit dem Orchester die erregte Spannung des Scherzo heraus, den Gegensatz von Rüpeltanz und innigem Seitengedanken, die Generalpausen, Crescendi und Echowirkungen, den wogenden Wettstreit von Holzbläsern und Streichern. Zum besonderen Erlebnis wurde die wunderbar friedvolle, verklärte Stimmung des Adagio, Vorbote des Traums von der Brüderlichkeit aller Menschen.

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