Die finnische Mundharmonika-Attacke ist gelungen: Eero Grundström, Jouko Kyhälä, Eero Turkka, Pasi Leino und Eero Turkka (von li
Die finnische Mundharmonika-Attacke ist gelungen: Eero Grundström, Jouko Kyhälä, Eero Turkka, Pasi Leino und Eero Turkka (von links) reißen ihr Publikum im Bahnhof Fischbach mit. (Foto: Brigitte Geiselhart)
Brigitte Geiselhart

Wer hat’s erfunden? Waren es in diesem Fall wirklich die Finnen? Na ja, wenn es um den Tango geht, dann darf man die Ansprüche der Argentinier nicht ganz außer Acht lassen, auch wenn das im Laufe dieses bemerkenswerten Abends vom ersten Solisten schon mal augenzwinkernd bezweifelt wird. Tatsache ist, dass vier adrette Herren im Anzug auf der Bühne des Bahnhof Fischbach stehen. Ein musikalisches Quartett, deren Mitglieder alle ein hübsches Köfferchen mit durchaus überraschendem und unterschiedlichem Inhalt dabei haben. Mundharmonikas? Haben diese kleinen und handlichen Musikinstrumente, die man vielleicht aus der Jugend noch kennen mag, früher nicht etwas anders ausgesehen? Aber erst mal alles der Reihe nach.

„Sväng – Mundharmonikaattacken aus Finnland.“ So waren die vier Herren angekündigt. „Furiose Lippenbekenntnisse von finnischem Tango über Sibelius zu balkaneskem Groove.“ Eine kleine technische Panne zu Beginn entpuppt sich als Glücksfall und lässt Zeit für erklärende Worte. Man erfährt, dass Jouko Kyhälä 1999 ein Studium an der Sibelius-Akademie absolvierte und sich weltweit als erster Mundharmonika-Spieler mit dem Titel „Doktor artium der Mundharmonika“ schmücken darf. Kyhälä ist auf chromatischen wie diatonischen Harmonikas zu Hause, spielt innerhalb des Quartetts meist die Harmonetta, eine von der Firma Hohner in den 1950er-Jahren entwickelte Kreuzung von Akkordeon und Mundharmonika, auf der sich besonders Akkord-Begleitungen hervorragend spielen lassen. Ganz anders die optische Erscheinung der Bassharmonika, die von ihrem Aussehen eher einem Toaster ähnelt. Pasi Leino ist innerhalb des Quartetts für die tiefsten Frequenzen zuständig und taucht mit seinem Instrument in die Untiefen der musikalischen Frequenzwelt ab.

Tango. Immer und immer wieder. Leicht vorzustellen, dass die Eigenkompositionen der Solisten Eero Turkka und Eero Grundström dem kühlen finnischen Klima angepasst wurden. Von wegen. Hier ist Leidenschaft im Spiel und die pure Lust am gemeinsamen Musizieren. Unterschiedliche Stimmungen werden sensibel interpretiert. Ständige Tempi-Änderungen wechseln sich mit tänzerischen Momenten ab, um die vier ähnlichen und doch so verschiedenen Instrumente schließlich zu einem berauschenden Klangbild vereinigen zu lassen. Herausforderungen scheuen Eero Turkka, Eero Grundström, Jouko Kyhälä und Pasi Leino nicht. Den berühmten „Valse triste“ (Trauerwalzer) von Jean Sibelius hat man in dieser beklemmenden Intensität vermutlich noch nicht gehört.

Die Mundharmonika-Interpretation verlangt den Musikern wie dem Publikum alles ab und strahlt eine Seelentiefe aus, wie sie abgründiger nicht sein könnte. Auch an ein Prélude und Nocturne von Chopin wagen sich die vier Finnen heran. Und doch finden sie immer wieder zu ihren eigentlichen volkstümlichen Ursprüngen zurück – etwa in einer Hommage an Karelien, einer sagenumwobenen, historischen Region, die durch den Zweiten Weltkrieg auseinandergerissen und zwischen Finnland und Russland geteilt wurde. In diesem Musikstück wird die Ausgelassenheit der Bevölkerung genauso greifbar, wie die Ruhe ausstrahlende Landschaft, aber auch der Wettstreit der Nationen und die Suche nach eigener Identität.

Beifallsstürme des begeisterten Publikums gibt’s an diesem Abend genug. Und gewiss auch die Erkenntnis, dass man ein vermeintlich unscheinbares Instrument bisher völlig falsch eingeschätzt hat.

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