Brigitte Meßmer löst die Knoten der Vergangenheit

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Brigitte Meßmer berichtet, wie sie Schicht um Schicht aufträgt, Motive und Farben teilweise gänzlich wegwäscht, übermalt, überla
Brigitte Meßmer berichtet, wie sie Schicht um Schicht aufträgt, Motive und Farben teilweise gänzlich wegwäscht, übermalt, überlagert. (Foto: gsb)
gsm und Gudrun Schäfer-Burmeister

„Häuten um zu wachsen“ lautet der Titel von Brigitte Meßmers Bilderausstellung, die am Freitagabend mit einer lebensfrohen Vernissage und an die hundert Gästen ihren Auftakt nahm.

Laut und mitreißend sind die Wahnsinnsbeats, mit der die Samba-Gruppe die musikalische Begrüßung übernimmt. Brigitte Meßmer ist Teil dieser Gruppe, die das Kunsthaus Caserne mit ihren Rhythmen durchdringt. Als herausragende Zeichnerin und Malerin würdigt Sylvio J. Godon die vielseitig begabte, bekannte Künstlerin, die 1996 zur Mitbegründerin der Galerie wurde und sich als Stadträtin für deren Etablierung einsetzte.

Offen und direkt ist Brigitte Meßmers Art, „ihr könnt mich wirklich alles fragen, ich bin da sehr schamlos“; fordert sie ihre Gäste auf und bietet eine persönliche Führung durch die Bilder an, „für diejenigen, denen das nicht zu viel ist.“ 34 Bilder sind zu sehen, die meisten sind Darstellungen der Selbstkonfrontation, die zerstörend sein kann, „das muss man hinnehmen“, sagt Brigitte Meßmer, ein paar wenige zeigen Kühe, „zwischendurch brauchst du was Sanftmütiges.“

Kraftvolles, loderndes Rot zieht das Auge an. Kalt und nebelhaft tauchen die Pastelltöne auf, grau oder nur in Umrisszeichnungen schälen sich Gesichter und Figuren aus dem Schleier. Sie zeigen Frauen jeden Alters, die Blicke abgewandt oder mit geschlossenen Augen. Sie orientieren sich auf ihr Innerstes, in die Vergangenheit.

Brigitte Meßmer litt viele Jahre unter Ängsten, Panikattacken, Suchtkrankheit. Mit ganzer Energie kämpfte sie dagegen an und wunderte sich, dass sich die Gefühle existenzieller Bedrohung und des Nichtdazugehörens dennoch nicht auflösen wollten. Eine Familienaufstellung und der Fachbegriff „übertragene Traumata“ bedeuteten eine Offenbarung und sie begann, sich mit dem Thema „Kriegsenkel“ zu beschäftigen. Hiermit sind die transgenerationalen Nachwirkungen aus traumatischen Erfahrungen der Eltern und deren Vorfahren gemeint, die, geprägt durch zwei Weltkriege, ihr Leben im Nachhall der Schrecknisse weiterführten, ohne sie zu verarbeiten. Um die Gespenster der Vergangenheit zu vertreiben, stürzte sich die Nachkriegsgeneration in Wirtschaftswunder, Konsum, Arbeit und Vergnügungen. Überlebensmechanismen sagt die Traumaforschung dazu, Strategien, die überlagern, was nie hätte geschehen sollen, was man am liebsten vergessen würde, vielleicht sogar vergessen hat.

Brigitte Meßmer machte sich malend auf den Weg, die Schichten der Vergangenheit zu erkunden, die Häute abzutragen und an diesem Prozess zu wachsen. „Es sind schon viele weg“, lacht sie, „die Wuthaut, die Zickenhaut, die Verletzthaut.“ Ihr Lieblingsbild heißt „die Knotenlöserin.“ „Da sind alle meine Gefühle drin.“ Während des Malprozesses verändert sie das Bild immer wieder, zuweilen grundlegend. Feine Zeichnungen überlagern sich, Aquarellfarben übergießt sie mit Wasser, wenn sie nicht oder nicht mehr stimmen.

Die Arbeitsweise von Brigitte Meßmer ist ein ständiger Dialog mit dem Bild, ein dichtes Dransein beim Malen und Zurücktreten beim Betrachten. Was bleibt, ist die Versöhnung mit der Vergangenheit, die Auflösung der Knoten und für die Ausstellungsbesucher wunderbare Bilder mit Sogwirkung.

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