Bodenseepegel nähert sich saisonalem Tiefststand: Welche Auswirkungen das Niedrigwasser hat

Deutsche Presse-Agentur

Der Wasserstand im Bodensee ist für diese Jahreszeit ungewöhnlich niedrig, und das hat Folgen. Sandbänke und neue Inseln tauchen auf, Häfen fallen trocken, Boote werden bereits eingewintert, und einzelne Haltestellen der Linienschiffe können derzeit nicht mehr angefahren werden.

„Der niedrige Pegel wirkt sich massiv aus“, sagt Oswald Freivogel, Präsident des Württembergischen Yacht-Clubs in Friedrichshafen. 15 bis 20 Boote seien bereits aus dem Wasser geholt worden. Insgesamt finden im Hafen etwa 300 Schiffe Platz. Die Boote sitzen nicht auf dem Grund auf, Knackpunkt dort ist, ebenso wie zum Beispiel im Langenargener Gemeindehafen, die Ausfahrt aus dem Hafen. „Aktuell müssen alle Boote mit mehr als 1,50 Meter Tiefgang raus“, sagt Freivogel. Er betrachtet den Pegel, der noch weiter sinken soll, mit Sorge. Dann könnten bald deutlich mehr Boote betroffen sein, „und wir haben eine Situation wie normalerweise im Oktober“.

Boote liegen am westlichen Bodenseeufer teilweise auf dem Trockenen

„Wir sind seit 14 Tagen ständig am Auswassern“, sagt auch der Hafenmeister der Gemeinde Moos (Landkreis Konstanz), Martin Graf. „Bei uns liegt eigentlich kein Boot mehr, wo es soll.“ Auch auf der Insel Reichenau saßen die ersten Bootsbesitzer schon wieder auf dem Trockenen, bevor die Sommerferien in Baden-Württemberg und Bayern begonnen hatten. Die Gebühren für die Liegeplätze bekommen die Bootsbesitzer nicht zurück. „Das ist höhere Gewalt“, so Freivogel.

Diese beiden Segler des Württembergischen Yachtclubs haben ihr Boot am Montag aus dem Wasser geholt und machen es winterfest. Ei
Diese beiden Segler des Württembergischen Yachtclubs haben ihr Boot am Montag aus dem Wasser geholt und machen es winterfest. Einziger Trost: Ihren Sommerurlaub am See und mit dem Boot haben sie bereits im Juli gemacht. (Foto: Anke Kumbier)

Wer sich wegen des Niedrigwassers auf die Suche nach einem anderen Liegeplatz fürs Boot machen muss, hat schlechte Karten. „Wir haben derzeit viele Bootseigner aus anderen Häfen, die dort raus müssen, weil der Tiefgang nicht mehr ausreicht“, sagt eine Sprecherin des größten Hafens am Bodensee, der Ultramarin-Marina in Kressbronn. Dort sei die Lage nicht so problematisch, weil das Hafenbecken als ehemalige Kiesgrube recht tief sei. „Leider sind wir selbst voll und müssen diese Anfragen ablehnen.“

Auf bayerischer Seite des Sees ist die Situation etwas entspannter. Die Lage sei „noch nicht so gravierend“, sagt der Vorsitzende des Yacht-Clubs Lindau, Thomas Otto. Wenn der Wasserstand aber weiter in dem Tempo der vergangenen Wochen sinke, müssten Ende August wohl auch in Lindau die ersten Boote aus dem Wasser geholt werden.

Einschränkungen beim Schiffsverkehr auf dem Alten Rhein und nach Bad Schachen

Die Linienschiffe fahren noch weitestgehend normal. Lediglich in der Schweiz wurde der Schiffsverkehr auf dem Alten Rhein eingestellt und die Haltestelle Bad Schachen (Lindau) wird momentan nicht angesteuert. Dort ist das Wasser zwar nicht zu niedrig, aber die Fahrrinne sehr schmal. „Man müsste sehr langsam fahren, und das würde zu Verzögerungen im Linienverkehr führen“, erklärt Christopher Pape, Sprecher der Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB).

Der Verlauf des Pegels in diese Jahr (blaue Linie) zeigt, dass der Bodensee seit dem Frühjahr unterdurchschnittlich viel Wasser
Der Verlauf des Pegels in diese Jahr (blaue Linie) zeigt, dass der Bodensee seit dem Frühjahr unterdurchschnittlich viel Wasser führt (die grüne Linie zeigt den mittleren Verlauf an) und aktuell nahe am historischen Tiefstwert kratzt. (Foto: Graphik: Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg)

Der Pegel in Konstanz liegt derzeit bei 3,22 Meter und damit über einen Meter tiefer als zur gleichen Zeit im Jahr 2021. Der Wasserstand ist aber noch höher als zu Niedrigwasserzeiten im Frühjahr. So sank der Pegel im März bereits unter drei Meter – im Frühjahr ein ganz normales Ereignis. Der Alpenrhein, der Hauptzufluss in den See, führt im Winter in der Regel weniger Wasser. Denn der Niederschlag wird in den Alpen als Schnee gespeichert. Dass sich jedoch der Pegel auch im Sommer der drei-Meter-Marke nähert, passiert laut Manfred Bremicker von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg statistisch nur alle 30 bis 40 Jahre. Auffällig sei, dass sich in den 2000er-Jahren die Jahre mit niedrigen Wasserständen im Sommer häuften.

Das sind die Gründe für den niedrigen Pegel

Als Grund für den sommerlichen Tiefstand nennt Bremicker den Schnee, der in den Alpen dieses Jahr früher und schneller als sonst geschmolzen ist und den fehlenden Regen. „Dass im August die Schneeschmelze abgeklungen ist, ist normal. Allerdings war dieses Jahr schon Anfang Juni der alpine Schnee fast vollständig abgeschmolzen und konnte nicht mehr zum saison-üblichen weiteren Seespiegelanstieg beitragen“, führt er aus.

Diese Graphik zeigt den aktuellen Pegelstand (2. August) in blau und die Prognose für die kommenden Tage.
Diese Graphik zeigt den aktuellen Pegelstand (2. August) in blau und die Prognose für die kommenden Tage. (Foto: Graphik: Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg)

Der bisher tiefste Pegel, der Anfang August in Konstanz gemessen wurde, sei im Jahr 2006 ein Wasserstand von 3,08 Meter gewesen. Das Potenzial, diese Wert zu unterschreiten und diesen Sommer auf einen saisonalen Tiefststand zu kommen, sei vorhanden. „Außer das Wetter schlägt um, und es fällt ergiebiger und großflächiger Regen“, so Bremicker. „In den Wettervorhersagen ist dieser Effekt aber bisher nicht abzusehen.“ Um den Pegel langfristig steigen zu lassen, reichten die zwar teilweise heftigen, aber in der Regel kurzen Gewitterschauer nicht aus. 

Die Lebewesen im und am See scheinen mit dem niedrigen Pegel klarzukommen. „Die saisonalen Wasserstandschwankungen im Bodensee sind natürliche Vorgänge, die für das Ökosystem nicht besorgniserregend sind. Das Leben im Bodensee ist daran gut angepasst“, teilt ein Sprecher der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) mit.

„Die Fische weichen in tiefere Schichten aus, und Watvögel profitieren von den vielen Schlammflächen“, sagt Biologe Gerhard Kersting vom Naturschutzzentrum Eriskirch. Allerdings gebe es auch Tiere und Pflanzen, die auf Feuchtgebiete angewiesen sind. Aus Sicht der Artenvielfalt sei die zunehmende Trockenheit problematisch.

So steht es um die Trinkwasserversorgung

Gefahr für die Trinkwasserversorgung besteht laut Bremicker von der LUBW nicht. „Der See kann nicht trocken fallen, selbst im Jahr 2100 zeigen das unsere Klimaprojektionen nicht.“ Doch der See verändert sich: Der alpine Charakter des Sees – Niedrigwasser im Winter und hoher Wasserstand im Sommer – schwäche sich ab.

Beobachtungen der letzten Jahrzehnte zeigten eine Entwicklung hin zu höheren Wasserständen im Winter und tieferen Wasserständen im Sommer, heißt es auch von der IKGB. „Die Gründe dafür sind vielfältig und schließen auch die Auswirkungen des Klimawandels mit ein.“ Die aktuellen Entwicklungen passten zu den Klimaprognosen der LUBW, so Bremicker. „Wir sind mittendrin im Wandel.“

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