Bodenseegürtelbahn: Verantwortliche bekommen ihr Fett weg

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 Teilweise müssen Pendler jedoch deutlich länger als fünf Minuten auf ihren Zug warten...
Über Verspätungen regen sich viele Pendler auf. (Foto: Christina Mikalo)

Überfüllte, nicht gereinigte Züge, schlechter Service, Zugausfälle: Die oft chaotischen Zustände auf der Bodenseegürtelbahn zwischen Radolfzell und Lindau waren am Mittwochnachmittag Thema einer öffentlichen Informationsveranstaltung im Landratsamt des Bodenseekreises. Über 100 interessierte Bürger waren gekommen, sie machten ihrem Ärger teilweise ordentlich Luft. Die Verantwortlichen von Land und Bahn haben dabei ihr Fett abbekommen und gelobten Besserung.

„Ich stehe regelmäßig am Bahnhof in Kluftern und auf dem Display steht: der Zug fällt aus“, berichtete eine Bahnkundin, „das kommt häufig vor.“ Dazu komme ein schlechter Service der Bahn. Im Interregio zwischen Stuttgart und Lindau bekomme man nicht einmal einen Kaffee angeboten. „Das ist ein großes Defizit.“ Teilweise seien in den Zügen nicht mal die Toiletten geöffnet: „Sorgen sie für Besserung“, sagte die Dame weiter.

Die Bodenseegürtelbahn gehört zu den Strecken, die nicht funktionieren

Uwe Lahl, Ministerialdirektor im Verkehrsministerium

In ihren Statements hatten zuvor der Ministerialdirektor im Verkehrsministerium Uwe Lahl und von der Bahn DB-Regionalleiter David Weltzien über die aktuelle Situation informiert. „Wir sind nicht zufrieden“, sagte Lahl. „Die Bodenseegürtelbahn gehört zu den Strecken, die nicht funktionieren, das tut mir Leid.“ Nach einem Zwei-Stufen-Plan solle Abhilfe geschaffen werden. „Wir wollen mehr Züge einsetzen und bis Mitte nächsten Jahres einen Pool an zusätzlichen Mitarbeitern haben, die bei Krankheit einspringen können.“ Außerdem setze man ab Mitte nächsten Jahres neue Züge ein. Lahl zeigte Verständnis für den Unmut der Bahnkunden. „Die Beschwerden kommen bei uns an.“

David Weltzien räumte Personal-engpässe wegen Krankheitsfällen und Fahrzeugprobleme ein. Es sei ihm bewusst, dass für den einzelnen Kunden jeder Zugausfall eine Katastrophe sei, aber „wir werden nie eine Pünktlichkeit von 100 Prozent und nie eine Ausfallquote von null Prozent erreichen“. Weltzien entschuldigte sich jedoch dafür, dass die Bahn zu wenig Kapazität zur Verfügung gestellt habe: „Wenn wir zwei Fahrzeuge versprochen haben, müssen wir diese zwei Fahrzeuge auch bringen“.

 Uwe Lahl stellte sich den Fragen der Bahnkunden.
Uwe Lahl stellte sich den Fragen der Bahnkunden. (Foto: Alexander Tutschner)

Eine Bahnkundin aus Markdorf erzählte während der Fragerunde, dass vergangene Woche ihre beiden Töchter am selben Tag wegen Zugausfällen nicht rechtzeitig zur Schule nach Friedrichshafen kamen und Unterricht verpassten. „Am selben Tag habe ich die Information bekommen, dass die Monatsfahrkarte wieder teurer wird.“ Zuverlässig funktioniere bei der Bahn vor allem die Preiserhöhung, meinte sie weiter. Sie könne nicht verstehen, „wie man den Preis erhöhen kann, wenn der Service so schlecht ist“. Dafür gab es viel Beifall aus der Runde. Aufgrund der Probleme auf der Bodenseegürtelbahn zwischen Friedrichshafen und Markdorf dürfe man nicht die Preise des gesamten Verkehrsverbundes Bodo infrage stellen, entgegnete Landrat Lothar Wölfle.

Eine Dame aus Kressbronn, die mit der Bahn nach Überlingen zur Arbeit pendelt, sagte, sie werde von der Bahn aufs Auto umsteigen müssen oder sich eine neue Arbeit suchen: „Es ist nicht zumutbar, dass man permanent statt einer, eineinhalb Stunden pro Weg braucht.“ Kritisiert wurde außerdem, dass es aufgrund der erweiterten Möglichkeit der Fahrradmitnahme oft zu Problemen auf der Bodenseegürtelbahn komme: „Das wird auf dem Rücken von Pendlern und Schülern ausgetragen. Das kann nicht funktionieren, wenn da zehn Leute mit Fahrrädern in den Zug rein drängen“. Ein Bahnfahrer aus Markdorf verwies auf den schlechten Zustand des Bahnhofes dort, man habe hier „eine prähistorische Situation“. Schnelle Abhilfe konnten die Verantwortlichen hier nicht versprechen, zuständig sei ohnehin der Bund als Besitzer.

Fettflecken fahren mit

Dieter Stohr, Sprecher des Fahrgastbeirates von Bodo, zählte mehrere Beispiele an Beschwerden von Bahnkunden auf, die ihn erreicht hatten. Stohr thematisierte auch die Innenreinigung der Züge: „In unseren Zügen fahren die Fettflecken mehrere Wochen durch die Gegend“, sagte er. „Lieber dreckig fahren als gar nicht fahren“, sagte dagegen David Weltzien, der einräumte, dass die Züge aufgrund der Probleme mit dem Fahrplan teilweise nicht gereinigt werden könnten. Die Bürger kritisierten immer wieder, dass die Qualität der Bahn in Deutschland im Vergleich mit der schweizerischen oder der österreichischen immer weiter zurückfalle. Lahl verwies diezbezüglich auf zu geringe Investitionen vom Bund: In Deutschland würden pro Einwohner 60 Euro für die Bahn ausgegeben, „in der Schweiz sind das 200 Euro“, sagte Lahl.

Über 100 Bürger kommen zur Informationsveranstaltung des Landesverkehrsministeriums zur Bodenseegürtelbahn.
Über 100 Bürger kommen zur Informationsveranstaltung des Landesverkehrsministeriums zur Bodenseegürtelbahn. (Foto: Alexander Tutschner)

Letztlich habe das Land einen Vertrag mit der Deutschen Bahn, sagte Uwe Lahl, man mache auch entsprechend Druck, dass der eingehalten werde. „Jeden Montag um 17 Uhr muss die Bahn Rapport erstatten“, sagte er weiter. Aber für manche Dinge wie Unfälle könne die Bahn nichts, auch die alte Infrastruktur sei ein riesiges Problem. „Ich hoffe, dass wir Mitte nächsten Jahres eine gute Situation haben werden.“

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