Bodenseefestival 2019: Fulminante Eröffnung mit Janine Jansen

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Die niederländische Geigerin Janine Jansen bot eine makellose Interpretation des Violinkonzerts von Sibelius.
Die niederländische Geigerin Janine Jansen bot eine makellose Interpretation des Violinkonzerts von Sibelius. (Foto: Christian Flemming)
Werner Müller-Grimmel

Gastländer des Bodenseefestivals 2019 sind die kleinen Beneluxstaaten Belgien, Niederlande und Luxemburg. Bei der Eröffnungsfeier im Friedrichshafener Graf-Zeppelin-Haus wurden humorvoll auch alte Klischees beschworen, die über diese Region immer noch im Umlauf sind. Dass ihr Land mehr zu bieten hat als Windmühlen, Käse, Tulpen und Fahrräder, bewies beim anschließenden Auftaktkonzert, das live im Radio übertragen wurde, die niederländische Geigerin Janine Jansen. Für sie und das SWR-Symphonieorchester unter der Leitung von Christoph Eschenbach gab es rauschenden Beifall.

Das bis zum 10. Juni dauernde Festprogramm widmet sich in rund 70 Veranstaltungen rund um den Bodensee der vielfältigen Kultur der Beneluxländer. Winfried Neumann, der das Festival 1989 ins Leben gerufen hat, wurde nun beim Festakt zur Eröffnung nach 31 Jahren als Geschäftsführer verabschiedet. Der Amtsleiter im Kulturbüro der Stadt Friedrichshafen übergibt die Festivalplanung nach dieser Saison an Katharina Ess, die seit zwei Jahren mit ihm die Kooperation zwischen Gesellschaftern und regionalen Mitveranstaltern in den vier Ländern um den See koordiniert hat.

Region ohne Grenzen

Als Vertreterin des Landes Baden-Württemberg betonte Kultur-Staatssekretärin Petra Olschowski, wie wichtig die spezifische Konzeption des Festivals sei, weil es die Begegnung mit Künstlern, die gewöhnlich nur in Metropolen auftreten, im ländlichen Raum ermögliche. Jenseits jener Klischees machte sich dann Ute Schürings als Kennerin von Geschichte und Kultur der Benelux-länder substantiellere Gedanken zu Mentalitätsunterschieden innerhalb dieser Region. Umrahmt wurde die Feier von dem in Luxemburg geborenen Pianisten und Komponisten Francesco Tristano mit Werken von Bach und eigenen Stücken. Der auch als DJ bekannte junge Künstler wird achtmal beim Festival auftreten.

Das Abendkonzert wartete mit musikalischen Grüßen aus dem deutschen Wald, dem Land der tausend Seen und aus der Neuen Welt auf. Die Frage, was Carl Maria von Webers „Freischütz“-Ouvertüre, Jean Sibelius’ Violinkonzert und Antonín Dvoráks neunte Sinfonie mit der diesjährigen Festivalthematik zu tun haben, erübrigt sich, wenn man weiß, dass das Orchester diese Werke ohnehin grade im Gepäck für seine jetzt anstehende China-Tournee hat. Den einzigen Bezug zu den Gastländern lieferte also die Solistin, die ihrerseits freilich als Artist in Residence nur drei weitere Male beim Festival auftritt.

In Friedrichshafen bot Janine Jansen eine makellose Interpretation des beliebten Sibelius-Konzerts. Einsam schwebte der Beginn des Soloparts über zerbrechlichem Flimmern der Streicher. Mit viel Portamento kniete sich Jansen später regelrecht hinein in herb volkstümlich gefärbte Melodiekurven und „nordisch“ anmutende Gesten und pflegte ihr poliertes Legato auch bei technisch aberwitzigen Ausbrüchen. Im Finalsatz ließ sie sich dabei tragen von pulsierenden Rhythmen des vorbildlich unterstützenden Orchesters, das die virtuosen Variationsfolgen immer wieder mit originellen Farbmischungen bereicherte. Für langanhaltenden Applaus bedankte sie sich mit der vollendeten Wiedergabe einer Sarabande aus Bachs „Sei solo“.

Ein Paradestück fürs Orchester

Hatten bei der zum Auftakt präsentierten Ouvertüre von Webers „Freischütz“ gelegentliche Wackler das insgesamt kultivierte Spiel des SWR-Symphonieorchesters noch etwas getrübt, so ließ Eschenbach nach der Pause von Anfang an keinen Zweifel aufkommen, dass er Dvoráks Neunte als Paradestück für die Leistungsfähigkeit des vor zweieinhalb Jahren fusionierten Klangkörpers darzubieten gewillt war. Als vorwärtstreibenden Erzählstrang hob er rhythmische Muster hervor, denen harmonische Struktur und motivische Entwicklung folgen.

Knackige Paukensignale, gut eingestelltes Blech, anmutige Flötensoli, elegische Kantilenen von Englischhorn und Klarinette, zu denen der Streicherklang gewissermaßen die Zeit anhält – sämtliche Details in dieser von Einfällen übersprudelnden Sinfonie wurden kongenial umgesetzt. Konzentriert floss das Largo dahin. Im totalen Kontrast dazu folgte das unbändige Scherzo. Auch im triumphalen Finalsatz hatte Eschenbach alles energisch im Griff, brachte Phrasen auf den Punkt und spitzte Sforzato-Akzente und Schlussakkorde scharf an. Unter seiner wachsamen Leitung „lief“ das Orchester wie eine geölte Maschine.

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