Bluesig:
                  Canned Heat rocken abgeklärt
Bluesig: Canned Heat rocken abgeklärt
Schwäbische Zeitung

Sie kamen, rockten – und gingen wieder: Kaum haben sich die Fans warmgetanzt, verabschieden sich Canned Heat schon wieder. Nach knapp eineinhalb Stunden gehen im Großen Zelt unbarmherzig die Lichter wieder an. Man blickt in verdutzte Gesichter, „ein bisschen dünne dafür, dass sie 40 Jahre Bandgeschichte auf dem Buckel haben“ kann man Gedankenblasen lesen. Etliche Fans verlängern den Zauber des Abends, indem sie sich Autogramme holen und mit den Musikern für Fotos posieren. Immerhin ein Schnappschuss fürs Rock’n’Roll-Erinnerungsalbum.

Stichwort Erinnerung: Mancher Fan wirkt, als hätte er die US-Bluesrocker schon bei Woodstock 1969 live gesehen, noch mehr Besucher sehen aber eher danach aus, als seien sie während Woodstock gerade erst gezeugt worden: Dass eine derart altgediente Band so viel Jungvolk anzieht, zeigt, dass gute Musik zeitlos ist. Kein Verfallsdatum haben Klassiker wie „On the road again“, den Canned Heat als Einstieg gewählt haben. Staubig wie die unendlich langgezogene Straße in einem Roadmovie klingt diese Blueswalze. Das würden auch die Gecko-Brüder aus Robert Rodriguez’ Horrortrip „From Dusk Till Dawn“ hören, während sie mit dem entführten Wohnmobil gen Mexiko donnern.

Das Motto des Abends ist „Woodstock Reunited“: Bassist und Gitarrist Larry Taylor, Gitarrist Harvey Mandel und Drummer Adolfo de la Parra ernteten vor 42 Jahren beim legendären Hippie-Festival euphorische Reaktionen und zehren heute noch von diesem mythischen Nimbus. „Goin’ up the Country“ heißt der Hit von damals. 2011 kommt das Stück als beswingte Rockabilly-Nummer durch die Boxen gefegt. „Wir machen Country-Blues mit Rock’n’Roll“, sagt de la Parra über den Sound der Band. Dazu gesellen sich Boogie-Einflüsse und fast schon jazzige Improvisations-Orgien. Vor allem Harvey Mandels abgefahrene Soli sorgen immer wieder für Szenenapplaus. Hier wird gerockt, aber in der relaxten Blues-Variante. Neuzugang Dale Spalding verleiht den Songs mit der Mundharmonika Dylan’sches Protestflair. Das kommt hin: „The world is in a tangle“, mit diesem Song habe man sich als erste Band zum Thema Umweltschutz geäußert, sagt de la Parra.

Verlängerung: wünschenswert

Es grenzt an ein Wunder, dass solch betagte Recken noch immer auf der Bühne stehen. Wobei sich die Besetzung –logisch – gewandelt hat. Etliche Mitglieder sind im Laufe der Jahre Opfer ihres Drogenkonsums geworden. Vor diesem Hintergrund wirkt es arg bemüht cool, wenn die instrumentale Cannabis-Hymne „A touch of green“ als Song über „das Grün, das wir rauchen“ angekündigt wird. Das einzige überlebende Gründungsmitglied auf der Bühne ist Larry Taylor, der optisch daherkommt wie ein ZZ Top-Mitglied mit Nerdbrille. Das kommt auch musikalisch hin: Wenn Taylor den Bass gegen die E-Gitarre tauscht, klingt sein achtsam artikuliertes Spiel nach dem bärtigen Texaner Billy Gibbons. „Canned Heat“ heißt übrigens so viel wie „Hitze aus der Dose“. Passt ja: Das Quartett rockt souverän, aber eben auch eine Spur zu abgeklärt.

Dem euphorischen Applaus nach zu urteilen hätte es indes nach dem Abschluss mit Ellmore James’ „Shake Your Money Maker“ durchaus noch eine Verlängerung geben dürfen.

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