In der VHS Friedrichshafen eröffnen (von links) Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger, Bürgermeister Andreas Köster, Martha Da
In der VHS Friedrichshafen eröffnen (von links) Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger, Bürgermeister Andreas Köster, Martha Dauth (Weißer Ring) und Nico Nimmerichter, Leiter der VHS, eine Austellung zum Thema häusliche Gewalt und Misshandlungen von Frauen und Kindern. (Foto: Lydia Schäfer)
Lydia Schäfer

Die neue Ausstellung in der Volkshochschule (VHS) Friedrichshafen verlangt vor allen Dingen eines: Mut zum Hinsehen. „Opfer“ titelt die Ausstellung, die in Kooperation von Studenten der Bauhaus-Universität Weimar und der Hilfsorganisation „Weißer Ring“ entstanden ist.

Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger Verein, der Opfern von Gewalttaten diskret und direkt hilft. Die Kampagne gegen häusliche Gewalt und Misshandlungen von Frauen und Kindern schreckt den Betrachter auf. Es bricht mit dem Tabu, über Gewalttaten zu schweigen und stellt die Opfer in den Mittelpunkt.

Gewalttaten spielen sich auch im Verborgenen ab. Wird ein Täter oder eine Täterin gestellt und kommt es zu einer Gerichtverhandlung, erfährt die Öffentlichkeit vom Strafmaß des Täters. „Wir erfahren viel über die Tat und den Täter, aber erfahren wir auch, wie es dem Opfer geht?“, beginnt Martha Dauth vom Weißen Ring Bodenseekreis ihre Eröffnungsrede und zitiert aus einem Telefonat mit einem Gewaltopfer: „Er bekommt vier Jahre und ich lebenslang“. Martha Dauth spricht aus ihrer Erfahrung als ehemalige Kriminalbeamtin und heutige ehrenamtliche Mitarbeiterin des Weißen Rings, wenn sie sagt, dass eine Gewalttat das Leben von jetzt auf gleich komplett ändere. „Auch wenn es Menschen betrifft, die an sich mit beiden Beinen im Leben stehen, sind sie in so einer Situation meist hilflos“. Im vergangenen Jahr habe der Weiße Ring im Bodenseekreis in 60 Fällen helfen können.

„Darunter sind viele Vergewaltigungsopfer“, berichtet sie. Häusliche Gewalt, aber auch Gewalt gegen Frauen und Missbrauch von Kindern gibt es nicht nur woanders. Die Ausstellung macht nachdenklich, manche Bilder wirken schockierend und andere zeigen ein Idyll und erst bei näherer Betrachtung offenbart sich das Grauen. Die Ausstellung gibt Opfern ein Gesicht; auch wenn die abgebildeten Personen als Modell dienten und nicht wirklich Opfer von Gewalttaten wurden, zeigt sie deutlich, dass Gewalt manchmal versteckt abläuft. Ein süßes Kindergesicht blickt in die Kamera und darunter steht provokativ: „Diese Hure hat ihren Onkel verführt“ oder das Porträt einer Frau mit einem blauen Auge und ihrer Botschaft: „Ich bin mal wieder in der Badewanne ausgerutscht“. Für Gewaltopfer ist das kein Augenblick-Erlebnis, „sondern beeinflusst das ganze weitere Leben“, sagt Erwin Hetger, ehemaliger Polizeichef des Landes Baden-Württemberg und heutiger Leiter des Landesverbandes Weißer Ring. Er fordert von der Politik ein eindeutigeres Handeln und von der Gesellschaft mehr Sensibilität. Im Jahr 2017 seien 140 000 Menschen Opfer von häuslicher Gewalt geworden, „davon 82 Prozent Frauen“, und nur 20 Prozent aller Betroffenen würden sich Hilfe holen.

Hinschauen und hellhörig machen

Auch Martha Dauth wünscht sich, dass Opfer den Mut aufbringen, sich beim Weißen Ring zu melden: „Opfer schweigen oft – aus Angst, aus Scham und aus Hilflosigkeit“. Im Bodenseekreis arbeiten zurzeit elf ausgebildete Ehrenamtliche für den Weißen Ring, der sich als Lotse für die Opfer versteht und Hilfe anbietet. Bürgermeister Andreas Köster wünschte, dass die Gesellschaft hinschaue und hellhörig werde. Die Ausstellung erschüttere und „das ist gut so“. Statistisch gesehen werde jede vierte Frau ein Opfer von Gewalt „Wir haben nicht ausreichend Plätze im Frauenhaus, allein das zeigt, wie wichtig das Thema ist“. Die VHS bietet zu der Ausstellung eine Vortragsreihe zu Themen Gewaltprävention, Zivilcourage, sexueller Missbrauch und die Arbeit des Weißen Rings.

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