Aus Freiwilligem Sozialem Jahr in Namibia wird Hilfsprojekt

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Schwäbische Zeitung

Im Frühjahr dieses Jahres hat eine Familie aus Ailingen ihre Tochter in Windhuk besucht, die dort in der Havana Soup Kitchen, einer Vorschule mit angeschlossener Suppenküche, ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert hat. Die Suppenküche in einem Armenviertel Windhuks versorgt drei- bis sechsjährige Kinder mit zwei warmen Mahlzeiten täglich, außerdem werden die Kinder in englischer Sprache unterrichtet. Das dort Erlebte hat bei der Familie den Wunsch geweckt, die Havana Soup Kitchen und weitere Projekte in diesem Armenviertel nachhaltig zu unterstützen. Dazu hat sie die Initiative „HoopKind“ gestartet. Hoop ist Afrikaans und bedeutet Hoffnung.

Die 19-jährige Theresa Puhlmann kam Ende Juli zurück von ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Windhuk. Da ihr die Arbeit in Namibia sehr viel Spaß gemacht hat, möchte sie nun Sonderpädagogik studieren. Und auch ihre Eltern, Claus und Kathrin Puhlmann, zeigten sich bei dem Besuch von der Arbeit in der Suppenküche beeindruckt. Gemeinsam wollen sie auch künftig den gemeinnützigen Verein Pallium unterstützen, der die Havana Soup Kitchen finanziert.

Erstes Projekt von „HoopKind“ ist der Verkauf eines A3-Wandkalenders 2020 mit 13 ausdrucksstarken Porträtfotos von Kindern aus der Suppenküche, dessen gesamter Erlös der Suppenküche zugutekommt – etwa für den Kauf von Nahrungsmitteln, für die Übernahme der Kosten für medizinische Behandlungen der Kinder und für ein Programm, bei dem notleidende Familien im Umfeld der Suppenküche vor allem mit Nahrungsmitteln, Winterkleidung und Winterdecken oder bei Renovierungsmaßnahmen an den oft sehr dürftigen Wellblech-Behausungen unterstützt werden. Gefördert werden darüber hinaus aber auch Maßnahmen zur Gesundheits- und Hygieneerziehung.

Das Thema liegt der Familie am Herzen. Kathrin Puhlmann, die beruflich bei einer Häfler Wirtschaftsorganisation tätig ist, hat sich 14 Jahre lang in der Kirchengemeinde in Ailingen im Rahmen von Kindergottesdiensten engagiert. Bei dem Besuch in Windhuk landeten sie und ihr Mann Claus, der als Biologe im Bereich Verlagsdienstleistungen tätig ist und in seiner Freizeit gerne mit der Kamera unterwegs ist, in einer für sie gänzlich fremden Welt. „Je mehr wir uns Havana, dem Armenviertel Windhuks, nähern, umso mehr Menschen sind auf und neben den Straßen unterwegs, die jetzt nur noch aus einem fest gefahrenen Gemisch aus Sand und Schotter bestehen. Mit selbst gemalten, großen Buchstaben auf schief stehenden Außenwänden werden die darin angebotenen Dienstleistungen angepriesen. Von Internet, einem Kopierladen, einer Fundstelle für „lost documents“ (verlorene Dokumente) bis zum Friseur, vieles ist zu haben. Rechts und links des Weges herrscht geschäftiges Treiben. In Einkaufswägen, wie sie in Deutschland aus Supermärkten bekannt sind, und halbierten Blechfässern wird Fleisch gegrillt“, beschreibt die Familie ihre ersten Eindrücke. „Vor uns fährt ein Mann auf einem Fahrrad, in der einen Hand hält er die soeben erworbenen Hühner an ihren Kehlen fest. Nach der Wellblechhütte, auf der ,Copies’ (Kopien) steht, biegen wir in eine winzige und holprige Schotterstraße ab, vorbei an einem großen Müllhügel, auf dem Plastiktüten, Tierreste und sonstiger Unrat liegt. Ein kleiner Junge sitzt darin und verrichtet sein Geschäft. Nur vereinzelt sehen wir bei den Hütten kleinere, etwa ein Quadratmeter große Wellblechverschläge, die wohl als Toilette dienen“, erzählt die Familie weiter.

In der Suppenküche angelangt wurden die Häfler sofort umlagert. „Ehe wir richtig aussteigen können, hat jeder von uns Kinder auf dem Arm, an Beinen und Händen. Frieda, die Leiterin der Suppenküche, ist noch nicht da, aber die Köchin Memme Eunike, die bereits Wasser von der zentralen Ausgabestelle geholt hat. Zwei jeweils rund fünf Liter fassende Eimer, die sie täglich nacheinander auf dem Kopf tragend zur Suppenküche bringt. Das muss für den Durst der Kinder, zum Kochen, Händewaschen, Zähneputzen und Spülen heute reichen. Wasser ist in dem von Dürre geplagten Namibia ein kostbares und teures Gut“, erzählen die Puhlmanns.

Seit fünf Jahren wird Frieda in der von ihr initiierten Suppenküche durch junge Menschen unterstützt, die in diesem gemeinnützigen Projekt ihren Freiwilligendienst leisten. Frieda hat selbst vier Kinder im Alter von zehn Jahren bis Mitte 20. Einen Jungen, dessen alleinerziehende Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam, hat sie adoptiert, ein Mädchen hat sie auch bereits als Säugling bei sich aufgenommen und groß gezogen.

„Die Kinder haben uns Fremde sofort in ihr Herz geschlossen – und wir sie“, so die Puhlmanns. Ihnen allen gemeinsam sei das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Schnell merken die Besucher, dass es viel zu anstrengend wäre, allen Wünschen, auf dem Arm getragen zu werden, nachzugeben. So einzigartig jedes Kind ist, so verschieden ist auch ihre persönliche Geschichte. Viele sind Waisen. In der Regel ist es aber die schlichte Armut in den Familien, die mehreren Geschwisterkindern einen Besuch der Suppenküche ermöglicht. „So traurig viele Geschichten sind, die wir von Frieda erzählt bekommen, so bewundernswert sind Frieda und diese Kinder, die uns in kaputter Kleidung, mit schmutzigen Händen und Füßen und in der Regel laufenden Nasen ihr einzigartiges Lachen und Nähe geschenkt haben“, schreiben die Puhlmanns abschließend.

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