Auf CAP Rotach wird Inklusion gelebt und erlebt

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Sie sind die guten Geister am CAP Rotach und sorgen dafür, dass es den Gästen gut geht: (von links) Patrick Schmidt, Öslem Güve
Sie sind die guten Geister am CAP Rotach und sorgen dafür, dass es den Gästen gut geht: (von links) Patrick Schmidt, Öslem Güvercin, Duigo Top, Anna Kunze, Isabell Zwigart, Julian Hensler und Sascha Seiwert im Rollstuhl. Hinten rechts Betriebsleiter Fritz-Heinrich Bauer. (Foto: Michael Tschek)
Michael Tschek

Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Für elf Frauen und Männer hat dieser Arbeitsplatz eine ganz besondere Bedeutung. Sie alle haben körperliche Behinderungen oder Lernschwierigkeiten und auf dem Campingplatz an der Rotach reguläre Arbeitsplätze gefunden, die sie voll und ganz ausfüllen. Die Reaktionen der Besucher sind ausschließlich positiv.

Seit 2003 betreibt die CAP Rotach gGmbH in der Lindauer Straße am Ortsende von Friedrichshafen eine integrative Ferienanlage mit barrierefreiem Hotel-, Pensions-, Restaurant- und Campingbetrieb, in der Inklusion zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Das Unternehmen ist einzigartig in Deutschland und hat mittlerweile unter anderem den „Innovationspreis Integration“ des Sozialministeriums Baden-Württemberg bekommen.

CAP steht für Chancen, Arbeit, Perspektiven, und dieser Name könnte nicht besser passen zu einem Integrationsunternehmen, in dem Barrierefreiheit nicht nur durch Auffahrrampen, großzügig gestaltete Duschen oder breite Fahrstühle gewährleistet wird.. Im CAP bedeutet Barrierefreiheit außerdem, dass Menschen mit Behinderungen am Betriebsablauf des Campingplatzes gleichberechtigt teilnehmen.

Rund 30 000 Buchungen registriert der Campingplatz im Jahr, die meisten davon in der Sommerzeit und dann ist der Ansturm an der Rezeption zwischen An- und Abreise jeden Tag aufs Gleiche riesengroß.

Für Sascha Seiwert ist das kein Problem, in völliger Ruhe und Gelassenheit empfängt er die Neuankömmlinge, macht nebenbei die Abrechnungen für die Abreisenden fertig und zeigt Gästen auf einem Plan, wo ihr Stellplatz ist. Vorletzte Woche ist Seiwert 40 Jahre alt geworden. Mit vier Jahren wurde bei ihm ein Tumor in der Wirbelsäule festgestellt – Lebenserwartung maximal zwei Jahre wurde damals prophezeit.

Wenn die ankommenden Gäste mit ihm in der Rezeption sprechen, sehen sie auf den ersten Blick nicht, dass er hinter dem Tresen an einen Rollstuhl gebunden ist. Seit 16 Jahren sitzt er jetzt darin. „Der Tumor hat sich zwar verkapselt, hat aber zu Lähmungen in den Beinen geführt“, sagt der Eriskircher. Davon hat er sich nie von irgendetwas abhalten lassen. Er fährt ein Auto, das auch ihn umgerüstet wurde und war schon mit 17 Saxophonist in der Lumpenkapelle Eriskirch .

Während Seiwert den Betrieb an der Rezeption voll im Griff hat, macht Patrick Schmidt seine Runde über den Platz. Patrick hat Einschränungen beim Lernen und Schreiben sowie eine spastische Behinderung im Bein. So wie sein Kollege ist er schon seit sieben Jahren auf dem CAP beschäftigt. Er ist der Hausmeister, der Mann für alle Fälle, mäht den Rasen, sortiert den Müll an der Recycling-Station, „ Da werfen die Leute kreuz und quer alles durcheinander rein, obwohl ja alles schön säuberlich angeschrieben ist“, meint er. Zwischendurch nimmt er sich auch mal eine kleine Auszeit, dann nämlich, wenn er mit Gästen ins Gespräch kommt und zu einer Tasse Kaffee eingeladen wird. Jeden Tag nimmt er, um an seinen Arbeitsplatz zu kommen eine jeweils eineinhalbstündige Zug- und Busfahrt von und nach Baindt in Kauf.

Bevor die beiden ihren täglichen Ablauf in Angriff nehmen, ist das Reinemacheteam in Wasch- und Toilettenanlagen bereits um sechs Uhr aktiv - noch bevor sich auch nur ein einziger Gast aus seinem Zelt oder Wohnmobil hat blicken lassen. Özlem Güvercin, Diugo Top, Anna Kunze, Isabell Zwigart und Julian Hensler sind an diesem Morgen für den Reinigungsdienst eingeteilt und müssen dabei Hinterlassenschaften von Campinggästen beseitigen, die diese so in ihrem eigenem Zuhause bestimmt nicht hinterlassen hätten, stellen sie immer wieder fest. Doch auch das machen sie mit großer Gelassenheit.

Für Fritz-Heinrich Bauer, Begründer und Betriebsleiter des inklusiven Beschäftigungsmodells, hat das Projekt sowohl eine hohe betriebsinterne als auch externe Wertschätzung. „Viele Gäste haben sich über Internet schon vorher informiert und wissen ,worauf sie sich einlassen“, meint er. Und diejenigen, die mal nur kurz auf der Durchreise für ein paar Tage auf dem Campingplatz verweilen, von denen sei noch nie etwas Negatives über die Begegnung mit Menschen mit Behinderungen verlautbar geworden, im Gegenteil: In der Bewertung im Internet steht unter anderem: „Ich habe noch nie so ein freundliches Personal erlebt“ und „Ich habe selten so saubere sanitäre Anlagen vorgefunden“.

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