Anne Rothäuser und Thieß Neubert bringen das Liveprogramm des Satiremagazins auf die Bühne. Dabei funktionieren die spontanen Sketche besser als alle abgelesenen Texte.

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Noah Vinzens

Es ist etwas kühl im Casino der Kulturhaus Kaserne, als der Countdown zur Jubiläumstour des Satire-Nachrichtenmagazins Postillon auf der großen Leinwand startet. Rund 80 Gäste hat das Programm des Abends angelockt. Jubiläumstour? „Ein reiner Marketing-Trick“, eröffnet Thieß Neubert an einem der zwei Rednerpulte den Abend.

Nach einigen kurzen und ziemlich willkürlichen Wissensfragen an das Publikum, „um zu testen, welche Version der Show gespielt werden soll“, geht es dann richtig los. Was das Bühnenformat der Satire-Onlineplattform Postillon genau darstellen will, ist allerdings der Fantasie des Publikums überlassen: die zwei Moderatoren Anne Rothäuser und Thieß Neubert stehen jeweils rechts und links neben der großen Leinwand an ihren Rednerpulten und verlesen mit einer urkomischen Ernsthaftigkeit satirische Meldungen und Kurznachrichten.

Auf der Leinwand wird in alter Fernsehmanier per Video hin und wieder fiktiv ein Korrespondent zugeschaltet. Ist es nun eine Fernsehshow, befinden wir uns im Setting eines Studios? Es wird nicht ganz klar, ist aber auch egal, gibt es doch für das Publikum immer wieder viel zu lachen. Ob der Kasperl vom Kasperletheater vom Krokodil angegriffen wurde, oder ein Hackerangriff auf die Deutsche Bahn dazu führte, dass alle Züge pünktlich fuhren – Anne Rothäuser und Thieß Neubert zaubern so einiges aus dem Fundus des Satireblattes. Dem versierten Postillon-Leser fällt aber schnell auf, dass sich ein Großteil der Gags mit den bereits im Internet kursierenden Meldungen des Postillon decken. So sind viele der Witze schon bekannt, was man an den zuweilen eher verhaltenen Reaktionen des Publikums merkt. Auch fehlt es an tagesaktuellen oder regional bezogenen Themen. So ganz zum Sieden kommt die Stimmung dadurch nicht, zu viel wird abgelesen, zu wenig aufs Publikum reagiert und eingegangen. Eine weitere Schwierigkeit des Formats ist, dass einige der Gags dem Zuschauer am heimischen Computer sicher ein Schmunzeln entlocken, auf der Bühne aber der große Lacher dann doch ausbleibt. So beispielsweise die Seitenhiebe an die Nachbarn aus der Schweiz: „Kuriose Meldung aus Kassel: Mann aus Zürich fast erstickt, weil seine Würgelaute für schweizerdeutsch gehalten wurden“ vermeldet Anne Rothäuser. Auch das zu diesem Sketch vorbereitete Video will nicht so wirklich zünden. Einige der Gags gehen zudem für eine Comedyveranstaltung etwas zu sehr unter die Gürtellinie. Der Lacher bleibt einem im Halse stecken, als eine der satirischsten Nachrichten des Abends verlesen wird: „Forbes-Magazin veröffentlicht Liste der ärmsten Menschen.“ Der Gewinner aus Afrika besitze zwei Bündel Heu und einige Cents. Herzhaft lachen kann das Publikum hingegen bei den immer wieder eingeschobenen Kurznachrichten, bei denen insbesondere Wortspiele und Sinnverschiebungen im Mittelpunkt stehen.

Diese zeichnen sich als Highlights des Abends ab. Ein weiterer Höhepunkt ist der von Rothäuser frei rezitierte Merksatz zum Periodensystem. Alle Kürzel der chemischen Elemente wurden in einem durchaus komplizierten Satz verbaut. Hier merkt man: Sobald die Moderatoren das Rednerpult für kurze Sketcheinlagen verlassen, nicht mehr ablesen können, wird es wirklich lustig.

Auch die als eine Art Zugabe gegebenen Outtakes der Sketche zeigen, dass das Moderatorenpaar durchaus in der Lage ist, aus sich heraus zu gehen Etwas mehr davon würde dem Programm sicher guttun. Alles in allem kommt das Publikum aber auf seine Kosten.

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