Aggressive Reden dominieren und amüsieren

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Dem Publikum gefiel die Aufführung, was durch leise aber immer häufigere Lacher deutlich wurde.
Dem Publikum gefiel die Aufführung, was durch leise aber immer häufigere Lacher deutlich wurde. (Foto: Marte)
Schwäbische Zeitung
Hermann Marte

Am Freitagabend ist im Kiesel im K42 das „aktionstheater ensemble“ aus Wien zu Gast gewesen. Mit ihrem Stück „Immersion. Wir verschwinden“ wollte sich die Truppe den zu kurz Gekommenen der Gesellschaft widmen.

Wer beim „akttionstheater ensemble“ eine richtige Handlung oder klare Rollen erwartet, wird bitterlich enttäuscht. Wer dagegen auf modernes Theater reiner Expression mit Abstraktion, Darbietungsrissen und viel lautstarker Rede aus ist, wird auf seine Kosten kommen.

Schon vor Beginn der Darbietung entdeckt man auf dem schwarzen Boden der Bühne die auffälligen aufgeklebten weißen Rechtecke. Diese dienen später den Darstellern als eine Arte Standortvorgabe. Dann beginnt die Aufführung mit dem Tonmeister, der die Bühne betritt und bei seinem Elektronikpult Stellung bezieht, von wo er sich bis zum Ende nicht mehr entfernen wird.

Sodann erscheinen zuerst die zwei jungen Männer, die eine kurze Weile mit suchendem über das Publikum hinweg gerichteten Blick über die Bühne streifen, bevor zielgerichtet die junge Frau auftritt und mit ihrer lauten aggressiven Rede die ersten Worte an die Zuschauer richtet. Es geht ihr um einen Werbespot mit einer grottenschlechten Schauspielerin. Der Spot ist für die Stadt Feldbach, doch da er in österreichischer Mundart gedreht wurde, wird der Name im Spot „Foidboch“ ausgesprochen und wenn die junge Frau das falsch ausspricht wird sie von einem ihrer Mitspieler korrigiert. Sie sagt es immer wieder falsch und wird immer wieder korrigiert, ein Element das bei anderen Worten in dem Stück noch mehrmals wiederholt wird.

Die Frau erhält allerdings nicht die Gelegenheit, ihre langen Aufführungen zu Ende zu bringen, denn nach einiger Zeit grätscht ihr einer ihrer Mitspieler mit seiner eigenen Geschichte dazwischen, dann schließt sich auch noch der Dritte an. Der eine berichtet von seinem Auftritt mit einem Gedicht vor internationalen Finanzmogulen, der andere erzählt von seinem Engagement bei einem im Himalaya gedrehten Film. Diese Geschichten werden nicht miteinander sondern gegeneinander erzählt, jeder versucht seine eigene Story durchzuboxen und wird dabei immer wieder von den anderen unterbrochen.

Während dieses Wörterkrieges taucht im Hintergrund unvermittelt eine Sängerin auf und bringt ein weiteres Element in die Darbietung ein. Sie singt allerdings nicht oft alleine, meist steigen die anderen in den Gesang mit ein oder beginnen ihn selbst. Dabei setzt dieser stets ohne Überleitung ein und quetscht sich genauso dazwischen wie die Reden der anderen. Immer mehr beginnen die Darsteller sich dabei lasziv zu rekeln, wenn sie gerade nicht selbst reden.

Etwa nach drei Vierteln des Stückes gibt es dann einen deutlichen Bruch, wenn die Darsteller plötzlich anfangen tatsächlich mit dem Publikum und miteinander zu reden.

Wie immer ist das aktionstheater ensemble dabei keine Truppe der leisen und empfindsamen Töne. Laute und aggressive Reden bestimmen den Ablauf von Anfang bis Ende.

Dem Publikum gefiel die Aufführung, was durch die leisen aber immer häufigeren Lacher deutlich wurde. Einer der humorigsten Momente war sicherlich, als sich einer der Darsteller mitten in der Rede des dicht an ihm stehenden Kollegen umdrehte und auf den Boden pinkelte, was es seinem Partner entsprechend schwer machte im Konzept zu bleiben. Der Urin war übrigens nicht echt.

Am Ende gab es einen lang anhaltenden Applaus für das Ensemble, das im Kiesel einen weiteren erfolgreichen Auftritt absolviert hatte.

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