„Du musst mir diese Dirne schaffen“: Faust (Philipp Otto) verführt Gretchen (Seraina Leuenberger).
„Du musst mir diese Dirne schaffen“: Faust (Philipp Otto) verführt Gretchen (Seraina Leuenberger). (Foto: Wilfried Geiselhart)
Wilfried Geiselhart

Licht am Ende des Tunnels oder doch die große Leere, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint? Was hält die Welt im Innersten zusammen? Wer wird gerichtet, wer gerettet? Fragen über Fragen, auf die es letztlich wenige Antworten gibt. Fakt ist, dass dieser Lese- und Theaterstoff immer schon die Gemüter erregt, vielleicht auch viele Generationen von Oberstufenschülern zur Weißglut getrieben hat.

Ist Goethes Faust heute aktueller denn je? Nein, aber der erste Teil der Tragödie um das pralle Leben und die Untiefen menschlicher Abgründe hat auch im 21. Jahrhundert nichts an Aktualität verloren – vor allem dann, wenn er so präsentiert wird wie jetzt vom Theater Chemnitz in der Inszenierung von Carsten Knödler im ausverkauften – größtenteils mit Schülern besetzten - Graf-Zeppelin-Haus. In frischem Gewand, erschreckend real und stets provozierend. Eine beeindruckende Aufführung mit schauspielerischen Glanzleistungen und vielen außergewöhnlichen Regieeinfällen – allerdings mit einem schwerwiegenden technischen Manko: Die asymmetrisch verkleinerte Bühne erlaubte von der rechten Seite des Hugo-Eckener-Saals nur Einblicke mit ganz schmalem Winkel. Für diejenigen, die ganz rechts außen saßen, konnte das dreistündige fast traumhafte Theaterspektakel also auch leicht zum Alptraum werden.

Gott ist eine Frau. Der Teufel ist umgänglich, charmant, fast sogar witzig und eigentlich ein ganz netter Kerl. Und Faust selbst? Eine gespaltene und multiple Persönlichkeit, in dessen Brust mehr als zwei Seelen wohnen. Einer, der sich immer wieder in Zwiesprache mit seinen verschiedenen Egos verliert. Einerseits ein ganz banaler Spießbürger, wie viele andere in der Midlife-Sinnkrise, der gerade deswegen auch gern mal die Sau rauslässt. Weniger ist eben doch nicht immer mehr und Gelegenheit macht Liebe. Es mit dem Gift süßer Jugend auf dem aalglatten roten Seidentuch zu treiben, dieser Versuchung zu widerstehen, erscheint unmöglich.

Natürlich ist vieles plakativ in der Chemnitzer Inszenierung – aber durchaus unterhaltsam. Die Macht der Bilder dominiert. Die Musik kann verstörend laut werden und die Vielzahl der Videoeinblendungen ist manchmal kaum auszuhalten. Von tausend Augen wird man beäugt und doch stirbt jeder für sich allein – wenn es sein muss, auch als Kindersoldat. Ob der Weg vom Kinderwagen unvermeidlich in Richtung Atombombenexplosion führen muss, das sei mal dahingestellt.

Verweile doch!

Und ob die blinkende Spielzeugpistole, die den Protagonisten zum Terminator werden lässt, der Weisheit letzter Schluss ist, auch das darf hinterfragt werden. „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön. Dann magst du mich in Fesseln schlagen. Dann will ich gern zugrunde gehen.“ Das ist und bleibt der Satz der Sätze und Philipp Otto spricht ihn nicht nur aus, er zelebriert ihn, wie man es von einem faustischen Wesen erwartet – in purer Begierde des nach dem scheinbar Unmöglichen ständig Suchenden. Er ist Faust, er lebt Faust und doch ist gerade die Aufteilung seiner zentralen Rolle in unterschiedliche jüngere und ältere Ichs ein besonders gelungener Regieeinfall, die den Monolog nicht selten zum weitaus spannenderen Dialog werden lässt. Ganz neue Dimensionen erschließen sich dem Betrachter durch die Tänzerinnen und Tänzer des Ballett Chemnitz unter der Choreographie von Sabrina Sadowska – mal im hautfarbenen Kostüm beim Osterspaziergang oder in der orgiastischen Walpurgisnacht, mal im konservativen Banker-Outfit in Auerbachs Keller.

Große Klasse die Performance von Philipp Otto als (Haupt-)Faust sowie seiner anderen Egos (Wolfgang Adam und Martin Valdeig). Dirk Glodde gibt einen durchtriebenen und doch fast menschlich anmutenden Mephisto. Und Seraina Leuenberger spielt ein Gretchen wie es liebenswerter und zerbrechlicher nicht sein könnte. Berechtigte Beifallsstürme nach einem aufwühlenden Theaterabend.

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