„Die Couch“ von Markus Brenner besteht aus Beton und hat ihren Platz in Kreuzlingen. Sie spielt auf die Psychotherapie an, denn
„Die Couch“ von Markus Brenner besteht aus Beton und hat ihren Platz in Kreuzlingen. Sie spielt auf die Psychotherapie an, denn bis 1980 gab es in Kreuzlingen eine psychiatrische Heilanstalt. (Foto: Markus Brenner)
Schwäbische Zeitung

Wer einen Pilz pflückt, 100 Schritte tut und dort den nächsten pflückt, wird kaum auf den Gedanken kommen, dass sie eine Einheit bilden. Weil sich Pilzkulturen über weitläufige Gebiete ausbreiten können, ist das aber gut möglich. Das haben sie mit der Kunst gemein. Das beweisen die „BodenseeKunstwege“: Sie verknüpfen 200 Kunstwerke auf einer Wegstrecke von 800 Kilometern – zwischen Sulz am Neckar im Norden, Schramberg im Westen und Kressbronn im Süden. Die Skulpturen und Installationen verteilen sich über 60 Städte und Kommunen in sechs Landkreisen, entlang von vier verschiedenen Routen: dem „DonauHegauKunstweg“, dem „OberschwabenKunstweg“, dem „SeeKunstweg“ und neuerdings auch dem Kunstweg oberer Neckar. Hinzu kommen rund 400 weitere Kunstwerke, in Museen, Galerien, Ausstellungsräumen und Kreiskunstsammlungen, die sich entlang der Kunstwege befinden.

Expansion in die Schweiz

Es ist eine Grande Tour in Sachen in Sachen zeitgenössischer Kunst und sie wird immer größer: Der „SeeKunstweg“, der bislang auf der deutschen Seite von Achberg bis nach Gaienhofen reicht, führt nämlich bald in die Schweiz. Von Schaffhausen über Stein am Rhein bis Kreuzlingen sollen neue Kunstwerke unter freiem Himmel entstehen. „Es sollen Werke sein, die einen Bezug zur Ortsgeschichte aufweisen und die ein soziales, politisches oder ökologisches Thema aufgreifen“ sagt Gunar Seitz. Der Künstler aus Kluftern hat die Kunstwege initiiert und kuratiert sie auch, gemeinsam mit seiner Partnerin Ragnhild Becker. Seitz fügt an: „Gefragt sind spannungsgeladene Arbeiten, von denen jede auf ihren Flecken passt und nicht beliebig anderswo platziert werden könnte.“ So wie die Installation des Künstlers Richard Tisserand, die im schweizerischen Tägerwilen aufgestellt wird. Sie beschäftigt sich mit einem nie verwirklichten Großprojekt: der Schiffbarmachung des Hochrheins bis zum Bodensee. Solche Pläne gab es bereits im Kaiserreich, später dann unter den Nationalsozialisten. Ihre Umsetzung hätte die Umgehung des Rheinfalls bedeutet, durch gewaltige Erdbewegungen, den Bau von Schleusen und anderen technischen Anlagen. Der Seerhein, die Gemeinden Konstanz, Kreuzlingen und auch Tägerwilen wären heute nicht mehr wiederzuerkennen.

Die Kunst des Kompromisses

Vorangetrieben wird das Netz der Kunstwege vom Trägerverein „BodenseeKulturraum“, unter dem Vorsitz von Manfred Sailer. Der ehemalige Bürgermeister von Engen hat gute Kontakte in die Kunstszene, zumal er auch das Kuratorium der Kunststiftung des Landkreises Konstanz leitet. Sailer, Seitz und Becker bilden die operative Spitze des Vereins. Neue Gemeinden für die Kunstwege gewinnen sie durch Kompromissbreitschaft. Die Kunstwege bestehen nämlich nicht nur aus neuer Kunst. Sie verzeichnen auch bestehende Kunst, die oft schon seit Jahren an Ort und Stelle steht – wie etwa der Betonporsche von Gottfried Bechtold an der Uni Konstanz. Es gibt Kommunen wie Singen mit einem ausgeprägten Kunstprofil und andere, deren Ansammlung von Kunst im öffentlichen Raum eher Kraut und Rüben gleicht. Hier gilt es dann, sich auf die besten Arbeiten zu einigen. Diplomatie ist auch gefragt, wenn es um neue Arbeiten geht – denn die Kosten dafür tragen in der Regel die Kommunen, in denen sie aufgestellt werden.

Von der Plastik zur Performance

Für Seitz und Becker wird mit der „Schweizer Kurve“ des Seekunstwegs ein bereits 17 Jahre alter Traum wahr – auch wenn die Österreicher noch nicht mit im Boot sind. „Unsere damalige Vorstellung war, den Kunstweg rund um den Bodensee zu legen. Das entsteht jetzt allmählich“, sagt Gunar Seitz. Unlängst ist die Gemeinde Kreuzlingen in den Trägerverein eingetreten, ebenso der Kunstverein Schaffhausen. Dessen Vizepräsidentin wurde in den Vorstand gewählt. An Kompetenz und Schubkraft fehlt es also nicht.

Auch Donaueschingen ist nun Mitglied des Trägervereins. Damit steht eine konzeptionelle Neuausrichtung der Kunstwege bevor: „Wir haben Kontakt zur Geschäftsführerin der Donaueschinger Musiktage“, sagt Gunar Seitz. „Wir wollen die Kunstobjekte mit Klangkunst, Tanz und Performance beleben. Es wird mit Sicherheit eine intensivere Verbindung zu den Musiktagen geben.“

Noch sehr neu ist aber auch die Expansion im Norden mit dem Kunstweg oberer Neckar. Er führt von Rottweil über Schramberg und Oberndorf bis nach Sulz. Besonders Rottweil prunkt mit hochkarätiger moderner Kunst – auch, weil hier der 2004 verstorbene Bildhauer Erich Hauser lebte. „Hauser hat weltbekannte Künstler nach Rottweil geholt, viele Documenta-Teilnehmer“, erklärt Seitz. Noch ist dieser neue Kunstweg aber erst „virtuell“ fertig.

Kunst muss gepflegt werden

Kommunen, die den Kunstwegen beitreten, wollen damit natürlich ihr Marketing ankurbeln. Den Großteil der Kunst im öffentlichen Raum gibt es ja ohnehin schon, und eine Aufnahme in den gedruckten Kunstführer ist gut fürs Image und lockt Touristen in die Stadt. Aber wer pflegt all die Kunst, die dem Frost und Regen ausgesetzt sind? Gegen die auch schon mal eine landwirtschaftliche Gerätschaft rumpelt, wie im Fall von Jürg Stähelis „Tor zur Landschaft“, das in Klufterns steht? „Eigentlich sind für die Pflege die Kommunen zuständig“, sagt Seitz. „Aber in der Praxis bräuchten wir Freiwillige, die die Routen abgehen, den Zustand der Plastiken im Auge haben und Schadensmeldungen bei den Kommunen einreichen.“ Weitere Schultern zu finden, auf die sich die Arbeit an der Kunst verteilt – das ist ein Punkt, der bei Gunar Seitz ganz oben auf der Agenda steht.

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