2018 sollen die ersten Aquakulturen im Bodensee kommen

Lesedauer: 7 Min

Auch der Saibling gehört zu den typischen Bodenseefischen.
Auch der Saibling gehört zu den typischen Bodenseefischen. (Foto: Kästle)
Schwäbische Zeitung
unseren Agenturen

Die Genossenschaft „RegioBodenseefisch“ treibt ihre Pläne für eine Aquakultur voran. Derzeit sei man in Gesprächen mit einer norwegischen Firma, die die geplanten Netzgehege realisieren solle, sagte der Vorsitzende Martin Meichle. Anschließend würden beim Landratsamt in Konstanz die Anträge für eine wasserrechtliche Genehmigung gestellt. „Die Hoffnung ist da, dass wir die dann auch noch in diesem Jahr erhalten.“ Die Grünen sprechen sich in einer aktuellen Pressemitteilung gegen die Netzgehege aus.

Die von der Genossenschaft geplanten Aqua-Kulturen sollen mit Sandfelchen aus dem Obersee besetzt werden und aus einer „nachhaltig zertifizierten Futterquelle“ versorgt werden. In geringer Besatzdichte wollen die Genossenschaftsmitglieder „beste Produktqualität durch ein Futtermanagement, ein biologisch zugelassenes Gesundheitsmanagement durch den Verzicht auf Medikamente und die Nutzung von nur einer Impfung sowie hohes Tierwohl in den zwölf Netzgehegen, auf zwei Standorte verteilt“ – so geht es aus einem Strategiepapier der Genossenschaft hervor. Jedes kreisrunde Gehege soll einen Durchmesser von 20 Metern haben und 40 Meter tief in den See reichen.

Ein Bio-Betrieb soll es werden

Die Netze sollen an Land gereinigt werden, damit keine Reinigungsmittel in den See gelangen. Es werde keine Antibiotika geben und eine „unzumutbare Kot und Futterbelastung im See“ werde es ebenfalls nicht geben. „Wir wollen ein bio-zertifizierter Betrieb werden“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Alexander Keßler.

Image soll gestärkt werden

Die Genossenschaft besteht aus 15 Mitgliedern darunter Bodenseefischer, Fischverarbeiter, Fischzüchter, ein Jurist, Gastronomen sowie Personen mit Erfahrungen in Bürgergenossenschaften. Die Genossenschaft hat sich im Juni 2017 gegründet, um den Fangertragsrückgängen der Felchen entgegenzuwirken, um die Importe von jährlich zwischen 500 bis 600 Tonnen Felchen aus dem Ausland unnötig zu machen und das Image des Bodenseefelchen wieder zu stärken. Seit den 1990er-Jahren geht der Fangertrag bei den Felchen stetig zurück. Gleichzeitig werden aus Kanada, Skandinavien, Russland und Italien pro Jahr 500 bis 600 Tonnen Felchen importiert, die dann am Bodensee als „Felchen nach Bodenseeart“ verkauft werden.

Agrarminister Peter Hauk (CDU) hatte sich angesichts sinkender Bestände bereits im Jahr 2016 für solche Zuchtanlagen im Bodensee ausgesprochen. Man sehe darin eine Chance, die heimische Fischzucht am Bodensee nachhaltig weiter zu ent-wickeln, hieß es beim Ministerium.

Die Grünen sehen das anders. „Mit uns wird es am Bodensee keine offenen Netzgehege geben, bei denen Futtermittel und Kot unkontrolliert in den See eingetragen werden. Nach wie vor ist völlig ungeklärt, welche Auswirkungen dies auf die Gewässerökologie, das Trinkwasser und den Tourismus haben kann. Der größte Trinkwasserspeicher Europas eignet sich definitiv nicht für Experimente mit ungewissem Ausgang“, teilen Reinhold Pix (MdL Grüne, Sprecher für Fischerei), und Bernd Muschel, umweltpolitischer Sprecher, in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit.

Auch rechtlich sei die Angelegenheit eindeutig. Die Bodensee-Richtlinie der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) schließt Netzgehege im See explizit aus. Für die Behörden im Land und auch das Landratsamt Konstanz gibt es hier keinen Ermessensspielraum für Abwägungen. „Die Einkommenssituation der Bodensee-Fischer wollen wir durch die Förderung einer besseren Direktvermarktung, die Verbindung mit touristischen Angeboten und dem Einstieg in die Verarbeitung verbessern. Mit einer geschützten Ursprungsbezeichnung ,Bodensee-Wildfisch' könnten die Fischer mit Regionalität und Qualität punkten“, heißt es in der Mitteilung. Die Fraktion sehe in sogenannten geschlossenen Kreislaufanlagen mit integrierter Klärtechnik eine Chance, mittelfristig eine nachhaltige heimische Fischproduktion zu etablieren und Deutschlands massive Abhängigkeit von Fischimporten zu reduzieren sowie hohe Produktions- und Umweltstandards umzusetzen. Gegen die Netzkulturen hat auch die Mehrheit der Bodenseefischer Vorbehalte. In der Vergangenheit haben die Pläne, Netzgehe im Bodensee zu errichten viel Zündstoff zwischen den Anhängern der Genossenschaft und den anderen Bodenseefischern geführt.

Fischer haben Vorbehalte

Sie fürchten Investoren, die an den See drängen, um ihre Netzgehege aufzubauen und haben Bedenken, dass die Fische, die in den Gehegen aufwachsen, ihre Preise kaputtmachen und sie noch weniger von dem leben können, was sie erarbeiten. Auch Umweltverbände wie der BUND und die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) stehen den Plänen skeptisch gegenüber. „Wir werden dadurch das Alleinstellungsmerkmal des Wildfisches verlieren“, sagte die Sprecherin des Internationalen Bodensee-Fischereiverbands, Anita Koops. Netzgehege bergen ihrer Ansicht nach Risiken wie etwa Krankheiten. „Noch sind zu viele Fragen ungeklärt.“

Die Genossenschaft hält dagegen und lädt die Fischer ein, mitzumachen. „Wir sind alle mit der Region verbunden und keiner will die Natur und den Trinkwasserspeicher Bodensee verschmutzen oder unsere Tourismus-Region schädigen. Wir glauben an eine Chance für die Menschen in der Region und die Bodenseefischer;“ sagt Alexander Keßler.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen