Warum sich 22 Einwohner in Widderstall wohlfühlen – oder auch nicht

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Karla Kupsky liebt es, im Garten zu werkeln. In Widderstall schätzt sie die Gemeinschaft. Die Entscheidung, in den Weiler gezog
Karla Kupsky liebt es, im Garten zu werkeln. In Widderstall schätzt sie die Gemeinschaft. Die Entscheidung, in den Weiler gezogen zu sein, hat sie nicht bereut. (Foto: Scholz)

Die Vögel zwitschern, ein Schmetterling macht auf einer Blume Halt: Widderstall wirkt friedlich und idyllisch. Auf den zweiten Blick lassen sich aber auch Probleme erkennen. Manche der 22 Einwohner akzeptieren sie und leben damit. Andere wiederum ziehen ihre Konsequenzen daraus – und kehren dem Weiler den Rücken.

Eine, die dem Merklinger Ortsteil ade sagt, ist Ute Spengler. Die 49-Jährige wurde in Wiesensteig geboren und wuchs dann in Widderstall auf. „Meine Eltern hatten Landwirtschaft. Ich habe geholfen“, erzählt sie. Doch mittlerweile sind die Eltern verstorben, Spenglers Schwestern zogen auch aus. „Für mich ist der Hof einfach zu groß“, sagt sie und fügt an: „Es ist einsam“.

Immer auf das Auto angewiesen

Immer sei sie auf das Auto angewiesen. „Wir haben hier keinen Anschluss. Es gibt keine Busse beispielsweise“, sagt die 49-Jährige und erinnert sich an ihre Schulzeit zurück. Die Grundschule besuchte sie in Merklingen, die Realschule dann in Laichingen. „Nach Merklingen sind wir immer mit einem Taxi gefahren. Nach Laichingen ging es dann mit der Bahn. Merklingen hatte ja zwei Bahnhöfe und in Laichingen galt es dann, noch gut zwei Kilometer zu laufen, weil der Bahnhof dort so weit weg von der Schule lag.“

Die 49-Jährige lacht plötzlich auf: „Manchmal sind wir auch mit dem Schlepper zum Zahnarzt nach Laichingen gefahren.“ Unbefriedigend sei für sie auch, dass es keine Einkaufsmöglichkeit in Widderstall gibt. Die Versorgung sei nicht gesichert. „Mit Blick auf den Bau von Bahn und Autobahn hat es mir schon auch weh getan, dass die Felder dann einfach so weg sind“, meint Ute Spengler weiter.

Es geht um Kontakte

Die Gemeinschaft wisse Ute Spengler aber zu schätzen. „Früher wusste man einfach zu viel übereinander. Die ältere Generation war einfach anders. Aber jetzt ist es schon lockerer geworden“, sagt die 49-Jährige. Alles in allem sei für sie klar: Ihre Zukunft liegt nicht im Weiler. Voraussichtlich zum September wird Ute Spengler nach Merklingen ziehen. „Ich bleibe also schon in der Gemeinde“, merkt sie an. Das sei ihr wichtig, denn letztlich gehe es ja um den Kontakt zu Bekannten und Freunden.

Sie lebt, wo sie sterben will

Karla Kupsky sieht es ganz anders. Die 72-Jährige lebt seit 23 Jahren in Widderstall. „Ich komme gebürtig aus der Tschechei. Als ich geheiratet habe und wir dann zwei Kinder hatten, haben wir genug Geld gespart, um uns das Häuschen in Widderstall zu kaufen. Vorher haben wir noch in Eislingen gewohnt“, berichtet Kupsky. Zum Merklinger Weiler sagt sie: „Es ist einfach schön hier. Das Dorf ist wie eine ganze Familie. Klar schaut man sich auch mal in die Töpfe, aber man hilft sich auch gegenseitig“. Der Zusammenhalt sei „einfach prima“, gerade auch nachdem ihr Mann Helmut Kupsky verstarb. Als Witwe wisse sie sich in Widderstall aufgehoben. Unterstützung bekommt sie von ihrem Sohn, der ebenfalls mit im Haus wohnt.

„Wir haben keine Sekunde bereut, nach Widderstall gezogen zu sein“, stellt die 72-Jährige klar. Bekannte und Verwandte hätten damals schon gezweifelt und sich gewundert. „Aber hier kann ich meine Freiheit förmlich spüren“, meint Kupsky. Soll heißen: In Widderstall darf man auch mal Lärm machen, ohne gleich mit einer Klage rechnen zu müssen. „Da würde auch nicht stören, wenn der Hahn kräht. Aber wir haben hier keinen“, sagt sie. Karla Kupsky ist vollen Lobes. „Mir gefällt es hier einfach so gut. Ich möchte auch hier sterben – wenn es geht. Manchmal weiß man das ja nicht.“

Neben Karla Kupsky wohnt die Familie Frank. „Ich wohne hier in Widderstall, weil ich hier geboren bin“, sagt Bärbel Frank. Die 57-Jährige sei quasi „in das Landleben hineingeboren“ worden. Ihrer Nachbarin stimmt sie zu: „Die Gemeinschaft ist schon toll. Wir sind nicht viele, aber aufeinander angewiesen.“ Doch da sei sie schon beim Punkt, der ihr – gerade auch als Mutter – Sorgen bereite. „Wir sind hier nicht viele. Widderstall wird aussterben.“ Das liege ihrer Meinung nach an mehreren Faktoren. „Es war schon mal schön ruhig hier. Das war vor dem Baustellen-Lärm.“ Gerade wenn die Lastwagen unterwegs sind, sei es unerträglich laut. Die Autobahn hingegen nehme sie kaum noch wahr. Die gehöre schon dazu. Ein weiterer Punkt: „Es gibt hier kein Baugebiet und auch kein Bauerwartungsland.“ Deswegen könne Widderstall gar nicht wachsen.

Kein Baugebiet, kein Zuzug

Bärbel Frank müsse dahingehend gar nicht weit blicken. Ihr Sohn Benjamin ist Zuhause und zwar zu Besuch. Der 29-Jährige lebt seit vier Jahren in Merklingen. Zurück nach Widderstall zu kommen, sei für ihn keine Alternative – zumal es keine Baumöglichkeiten gebe. „Ich habe es ja selbst als Kind und Jugendlicher erlebt. Immer musste meine Mutter fahren, wenn wir irgendwo hin wollten“, sagt Benjamin Frank. Für Kinder sei die Abgeschiedenheit ein großes Problem. „Irgendwann fragt man sich, ob man das dann für seine eigenen Kinder auch möchte“, merkt der 29-Jährige an. Er hat sich dagegen entschieden, bleibt aber in der Gemeinde und wohnt mit seiner Partnerin in Merklingen. „Das ist auch so eine Sache. Der jeweilige Partner oder die Partnerin muss ja auch mitspielen“, ergänzt er. Bei seinen Eltern sei das der Fall gewesen, längst aber keine Selbstverständlichkeit.

Wenn der Partner passt

Bärbel Frank nickt. „Ich habe mich entschieden, hier zu bleiben. Meinem Mann Siegfried hat das gefallen. Das ist schon ein wesentlicher Aspekt. Sonst geht so etwas nicht.“ Für den 59-jährigen Ehemann stand das außer Frage. „Ich komme selbst vom Dorf – aus Jungingen. Hier ist einfach viel Natur. Das gefällt mir“, sagt er. In Widderstall sei es gemütlich. „Ich wollte nie in der Stadt wohnen. Das geht doch gar nicht; der Lärm dort und die Abgase“, so Siegfried Frank. Er schätze das Landleben. „Die Leute hier sind freundlich. Wenn etwas ist, dann hilft man sich. So soll es sein.“

Ja, die Familie habe sich entschlossen, in Widderstall zu leben. „Aber eigentlich sind wir gar kein Ort, sondern liegen einfach an der Kreisstraße“, merkt Bärbel Frank an. Sie bemängelt: „Es gibt nicht einmal einen Gehweg.“ Es gebe also Einiges, das problematisch zu sehen sei. Für Familie Frank stehe aber auch fest: Widderstall ist Heimat.

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