Zwei Kirchen sind dem Pfarrer eine zu viel

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So sieht Pfarrer Karl Enderle fast jeden Tag die St. Stephanuskirche, wenn er aus dem Pfarrhaus in Richtung Nordosten blickt. D
So sieht Pfarrer Karl Enderle fast jeden Tag die St. Stephanuskirche, wenn er aus dem Pfarrhaus in Richtung Nordosten blickt. Doch für ihn ist St. Stephanus nicht die Pfarrkirche der katholischen Kirchengemeinde Westerheim, sondern eine historische Kirche oder ein Kulturdenkmal. So äußerte er sich am Dienstagabend bei der Jahresversammlung des Fördervereins St. Stephanus, was Unmut und Enttäuschung auslöste. (Foto: Steidle)

Der Harmonie folgte Enttäuschung und fast schon Frust: So könnte man die Jahresversammlung des Westerheimer Fördervereins zur Erhaltung mit Restaurierung der St. Stephanuskirche am Dienstagabend im Rössle überschreiben.

Denn den Geschäftsberichten der Vorstandschaft mit vielen Erfolgszahlen und großartiger Bilanz hinsichtlich der Renovierungsarbeiten folgte unter dem Punkt Verschiedenes die Aussprache über die künftige Nutzung der historischen und denkmalgeschützten Kirche. Und da hegt der Förderverein den Wunsch, nach Abschluss der Renovierungsarbeiten doch öfters mal einen Gottesdienst – etwa Vorabendmessen oder Messen zu besonderen Anlässen – in St. Stephanus zu feiern. Doch da bremste Pfarrer Karl Enderle: „Die ehemalige Pfarrkirche St. Stephanus ist keine Pfarrkirche mehr im sakramentalen Sinn.“ Er wolle an Messfeiern in Christkönig festhalten.

Für ihn sei Christkönig die Pfarrkirche und die schön renovierte St. Stephanuskirche „die ehemalige Pfarrkirche und ein kulturhistorisches Denkmal“, erklärte Pfarrer Enderle in seinem Grußwort und seiner gebetenen Stellungnahme zur künftigen Nutzung der Kirche. Als Pfarrer sehe er da einen wesentlichen Unterschied. Die Gemeinde versammle sich in der Christkönigskirche, da werde die Messe gefeiert und da werden die Sakramente gespendet, beginnend mit dem der Taufe.

Keine regelmäßigen Gottesdienste

„Die gelungene Renovierung darf nicht als Anlass genommen werden, regelmäßige Gottesdienste in St. Stephanus zu wollen“, unterstrich Enderle. St. Stephanus sei für ihn nicht mehr Kirche im Sinne der Pfarrkirche, was Konsequenzen habe, in liturgischer wie in pastoraler Hinsicht. Da verfolge er seine Linie.

Die St. Stephanuskirche sei hervorragend geeignet für Konzerte, Orgelkonzerte, Vorträge, kirchliche Theaterspiele und Musicals, Versammlungen sowie auch Hochzeiten und Goldende Hochzeiten, aber nicht für regelmäßige Messfeiern, meinte Enderle „vor dem vollen Respekt vor den großartigen Leistungen des Fördervereins.“ Es könne durchaus sein, dass er da seine eigenen Vorstellungen habe, doch de facto sei für ihn St. Stephanus keine Pfarrkirche. „Auch wenn die Schäferorgel wieder schön erklingt, ist nicht vorgesehen, dass sie zu Vorabendmessen ertönt“, sagte Enderle. Er wolle keine weitere emotionale Diskussion in der Kirchengemeinde zur Nutzung der beiden Kirchen neu entfachen. Nach den Gesichtspunkten „sinnvoll, angemessen, möglich“ müsse beurteilt werden, wo Gottesdienste gefeiert werden, meinte Enderle. Und da gelte es, die Zuständigkeit des Pfarrers und Kirchengemeinderats zu akzeptieren.

Meinungen gehen auseinander

Auseinander gingen die Meinungen bei der Versammlung, was die Profanierung von St. Stephanus angeht. Der Ansicht von Pfarrer Enderle, vor Jahren habe eine Entweihung des sakralen Raumes stattgefunden, widersprachen Mitglieder des Fördervereins energisch. „Es hat nie eine Profanierung in Form eine Entweihung stattgefunden. Der Altarstein wurde nie entfernt, er ist immer noch vorhanden“, betonte Bernhard Schweizer. Und der Vereinsvorsitzende des Fördervereins St. Stephanus ergänzte: „Für uns ist St. Stephanus eine vollwertige Kirche, alles andere können wir nicht nachvollziehen.“ Bauleiter Franz-Josef Sailer teilte diese Ansicht: „St. Stephanus ist nie und nimmer entweiht worden. Wir lassen es uns nicht nehmen, dass in der St. Stephanuskirche keine Gottesdienste stattfinden dürfen.“

Die Vorstandsmitglieder Bernhard Schweizer, Franz-Josef Sailer und Anne Rieck machten deutlich, dass sie Enderles Aussage „St. Stephanus ist keine Pfarrkirche mehr“ nicht aufrechterhalten wollen und können. Unbestritten sei, dass die Christkönigkirche die Hauptkirche bilde, das sei außer Frage und daran wolle der Förderverein auch nicht rütteln. „Für uns ist und bleibt St. Stephanus eine Pfarrkirche. Wir sehen sie als vollwertige Kirche. Sie ist kein Festsaal“, stellte der Vereinsvorsitzende Schweizer für den Förderverein klar.

Keine neue Grundsatzdebatte

Der Verein wolle da nicht erneut eine Grundsatzdebatte entfachen. So sah es auch der Vereinskassierer Pius Kneer mit dem Hinweis, dass sich der Förderverein nicht das demokratische Recht nehmen lasse, Ideen und Vorschläge für die Nutzung der Kirche einbringen zu dürfen. Er wie auch weitere Vorstandsmitglieder erklärten, dass es lediglich um einen Wunsch und eine Anfrage des Fördervereins handle, ob in St. Stephanus ab und zu etwa eine Vorabendmesse gefeiert werden könne. Denn so gehe ein Wunsch vieler Westerheimer in Erfüllung – gerade von Menschen, die sich mit der St. Stephanuskirche identifizieren.

Gottesdienst kann überall gefeiert werden

Gottesdienst kann überall gefeiert werden, egal ob bei der Höhle, vor dem Sportheim, auf dem Sellenberg oder auch in St. Stephanus, meinte noch Petra Riek, Mitglied im Förderverein wie im Pastoralausschuss der katholischen Kirchengemeinde. Die Kirche müsse sich öffnen.

Dies forderte auch Franz-Josef Sailer: „Die Kirche müsse sich bewegen und darf sich nicht stur an Beschlüsse halten.“ Was spreche dagegen, wenn Westerheimer eine Taufe, Goldene Hochzeit oder ein Requiem in St. Stephanus feiern wollen und ihre Identifikation mit St. Stephanus zeigen, wollte Sailer wissen.

„Entscheidung beim Pfarrer“

Die Gemeinde dürfe sich bei der Frage, wann und wo Gottesdienste gefeiert werden, nicht auseinanderdriften lassen, warnte Maria Baumann vom Kirchengemeinderat. Sie könne sich St. Stephanus durchaus für zahlreiche liturgische Zwecke wie Andachten, Rosenkranzgebet oder Meditationen vorstellen, doch letztendlich würden der Kirchengemeinderat und der Pfarrer entscheiden, wo Messen gefeiert werden.

Von einer „harten Aussage des Ortsgeistlichen“ sprach abschließend Bernhard Schweizer mit dem Hinweis, dass über die künftige Nutzung von St. Stephanus noch viel Gesprächsbedarf bestehe. Die Diskussion sei entfacht und erste Fakten seien auf dem Tisch, denen sich der Förderverein stellen müsse. Alles sei im Fluss, die Nutzungsfrage der Kirche sicherlich weiter offen und das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Er dankte Pfarrer Enderle für die klaren Worte. Worte des Ausgleichs fand noch Dietmar Baumeister, der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins: „Wir stellen keine Forderungen. Wir tragen nur Wünsche vor. Wir können und wollen einen Konsens finden. Auch die Mitglieder des Fördervereins stehen zur Christkönigskirche. Westerheim kann mit zwei Kirchen leben.“

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