Protest: Mitten in Westerheim ist Germanitien

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Eine blau-weiß-blaue Flagge mit einem Seeadler in der Mitte weht im Meisenweg 10 in Westerheim. Dort befindet sich seit einigen Tagen die Botschaft und Mission des neu gegründeten Staates Germanitien. Wer dort das Grundstück von Uwe und Charlotte Krause betritt, befindet sich auf hoheitlichem Gelände eines unabhängigen Staates. So zumindest sagen es Uwe Krause und die Präsidentin von Germanitien. Sie stammt aus Schorndorf, will allerdings derzeit ihren Namen nicht sagen.

Uwe Krause arbeitet dadurch jetzt im Ausland. Er ist Gastarbeiter in Westerheim. Auch wenn sein täglicher Weg zu seinem Arbeitgeber nach wie vor der gleiche ist, so hat sich doch etwas geändert: Auf dem Weg zur Baufirma Nille befährt er ausländisches Terrain. Schon wenn er den Gehweg im Meisenweg betritt, steht er auf einem anderen Hoheitsgebiet, nämlich auf dem der Bundesrepublik Deutschland. Der 47-Jährige spricht von einer „rechtlichen und keiner örtlichen Trennung“ und meint: „Ich bin nach wie vor mit vollem Herzen Westerheimer.“ Und eben Germanitier. Seit rund 35 Jahren lebt er in Westerheim, er war auch Mitglied in mehreren Vereinen und Gruppierungen.

Seinen Pass und Personalausweis hat Uwe Krause zurückgegeben. Der liegt in einer Schublade im Westerheimer Rathaus. Denn als neuer Staatsbürger von Germanitien wolle und brauche er diesen nicht mehr. Von der Bundesrepublik wollte er sich abmelden, nicht aber von Westerheim. „Diesem Wunsche konnten wir nicht nachkommen“, erklärt Sarah Rauschmaier von der Gemeindeverwaltung mit der Begründung: „Eine Abmeldung nach Germanitien können wir nicht vornehmen, das Land ist uns nicht bekannt.“ Die höhere Dienststelle, das Landratsamt, sei verständigt worden.

Es gehe nicht, sich in einen Pseudostaat oder Phantasiestaat abzumelden, erklärt Pressesprecher Bernd Weltin vom Landratsamt des Alb-Donau-Kreises. Ab- und Anmeldungen könnten nur vorgenommen werden, wenn ein Um- oder Wegzug in einen bekannten Ort oder anerkannten Staat vorliege. Die Abgabe des Passes sei ohne rechtliche Relevanz. Der betreffende Bürger sei nach wie vor Deutscher, egal ob mit oder ohne Pass, ergänzt Weltin.

Ungefähr 7000 Bürger zähle ihr Staat in Deutschland, der offiziell am 4. Dezember 2010 ausgerufen worden sei und der seine Botschaft jetzt im Meisenweg 10 in Westerheim habe, sagt die selbst ernannte Präsidentin aus Schorndorf. Botschaftsleiter ist Uwe Krause, Botschaftsleiterin Charlotte Krause. Mit etwas Stolz zeigt die Präsidentin auf die Gründungsurkunde und die Verfassung des Staates Germanitien, in deren Präambel auf die „gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft aller Menschen“ verwiesen wird, deren Grundlage Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen bilde.

Was sich wie ein verspäteter Aprilscherz oder Jux in der Maiennacht anhört, ist für die Neubürger des neues Staates bitterer Ernst. Sie seien keine Gegner der Bundesrepublik, aber tief enttäuscht von diesem Staat. Fundamentale Menschenrechtsverletzungen und eine ungerechte Justiz, in der es keine unabhängigen Rechtsanwälte, Staatsanwälte und Richter mehr gebe, hätte sie zu dem Schritt in die Unabhängigkeit bewogen, erklären Botschafter Krause und die Präsidentin. Eine Gewaltenteilung, wie es die Verfassung vorsieht, sei in Deutschland nicht mehr gegeben.

„Wir kämpfen für eine bessere, zivilisiertere und gerechtere Welt, in der Menschenrechte eingehalten werden“, unterstreicht die Präsidentin, die vor allem den Umgang mit pflegebedürftigen, behinderten und kranken Menschen in Deutschland bemängelt. Behinderte Menschen würden zu Unrecht entmündigt, Menschen in Not zu schnell enteignet, sagt die Frau aus Schorndorf und zeigt eine lange Liste mit Unterschriften von Menschen, die gequält worden seien.

Die im Meisenweg 10 in Westerheim errichtete Botschaft und Mission des Staates Germanitien soll Anlaufstelle für alle Unterdrückten und Ausgebeuteten sein, erklärt Uwe Krause: „Jeder kann sich an uns wenden, dessen Menschenrechte mit Füßen getreten werden.“ Hier sei die Leitung von Germanitien zu finden, das in zwölf Konsularbezirke untergliedert sei.

Von der Staatsgründung und der Errichtung einer Botschaft in Westerheim seien Ministerien in Stuttgart und das Auswärtige Amt informiert worden, doch ein Antwortschreiben liege noch nicht vor. „Weglaufen oder Auswandern ist keine Lösung“, sagt die Präsidentin, zumal sie eine „Fürsorgepflicht ihrem Volke gegenüber“ habe. Täglich führe sie zig Telefonate mit in Deutschland unzufriedenen Menschen. Auch in Westerheim gebe es einige Interessenten, die nicht abgeneigt seien, „Germanitier“ zu werden.

30 Artikel umfasst die von Jörg Erdmannsky, „Mitarbeiter des diplomatischen Stabes des Staates Germanitien“, erstellte Verfassung des neuen Staates, die vor allem auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom Dezember 1948 baut.

Die Buchstaben G und RV sind in der blau-weiß-blauen Flagge zu sehen. Das „G“ steht dabei für Germanitien, das „RV“ lenkt den Blick auf die Entstehungsgeschichte. Denn aus der Ringvorsorgegemeinschaft ist der Staat entstanden. So steht es auch in der Gründungsurkunde des Landes, in der zu lesen ist: „Hiermit erklärt die Ringvorsorgegemeinschaft – Weltanschauungsgemeinschaft (WAG) die Gründung des Volkes Germanitien. Der Entschluss dazu beruht auf unserer Weltanschauung und dem Naturrecht. Die Personen der Ringvorsorge sind berechtigt, dem Volk der Germaniten anzugehören.“

Die Bundesrepublik ist also ein kleines Stückchen geschrumpft, so um die 800 Quadratmeter. Noch weht die blau-weiß-blaue Flagge statt der schwarz-rot-goldenen im Meisenweg 10 in Westerheim. Und die Gemeinde hat im Wohngebiet „Runs“ eine Enklave. Die Frage lautet: Für wie lange?

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