Wie Wohnungsbau im demografischen Wandel gelingt

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Referentin Gudrun Kaiser.
Referentin Gudrun Kaiser. (Foto: Hog)
Friedrich Hog

Im Vorfeld eines vom Bildungsforum am Donnerstag veranstalteten Seminars für Fachleute hielt Referentin Gudrun Kaiser am Mittwochabend auf Einladung der Gemeinde einen Vortrag zum Wohnungsbau im demografischen Wandel. Die Architektin erläuterte im Bildungsforum knapp 30 Zuhörern die Problemstellung und zeigte unterschiedlichste Lösungsansätze auf.

Bürgermeister Bernhard Ritzler stellte in seiner Begrüßung die Frage, wie die zukünftige Gemeinde hinsichtlich der Wohnraumsituation aussehen könnte. Untermarchtal hat zwar ein Seniorenheim, kann aber jungen Leuten, die zuhause ausziehen, jedoch in der Gemeinde bleiben wollen, keine spezifisch auf sie zugeschnittenen Wohnmöglichkeiten anbieten.

Die demografische Entwicklung in Deutschland ist eindeutig. Die Zahl der Senioren nimmt ständig zu. Über 20 Prozent der Bevölkerung ist über 65 Jahre alt. 3,4 Millionen Menschen sind pflegebedürftig, 75 Prozent von ihnen werden zuhause gepflegt. Im regulären Wohnungsbau muss zunehmend auf die Bedürfnisse der Senioren geachtet werden. Dabei sieht Gudrun Kaiser die Tendenz eines Zusammenwachsens mit Baumaßnahmen in der Pflegebranche. Allerdings gäbe es aus jener auch Bestrebungen, das Alleinstellungsmerkmal von Pflegeeinrichtungen bei diesen zu belassen.

Grundlage allen Planens sei die Tatsache, dass ältere Menschen bevorzugt in den gewohnten „vier Wänden“ verbleiben möchten, solange es irgendwie geht. „Tritt der Fall ein, dass sie zuhause nicht mehr versorgt werden können, wünschen sie eine Pflege innerhalb der bisherigen Gemeinde, um ihrem sozialen Umfeld nicht entrissen zu werden“, erläuterte Gudrun Kaiser.

Die Referentin hat vor 30 Jahren eine Planungsaufgabe im Bereich Pflege erhalten, und konnte seinerzeit kaum auf Literatur zurückgreifen. Nach Jahren intensiver einschlägiger Planungstätigkeit ist sie zwischenzeitlich als beratende Architektin tätig. Insoweit hat sie verschiedene Objekte untersucht, die barrierefrei, generationengerecht und bezahlbar sind. Diesen demografiefesten Wohnformen ist gemein, dass alle Generationen in ihnen leben können.

Da in Städten Bauland fehle, müsse Barrierefreiheit im Bestand verwirklicht werden, oft auch im Wege von Aufstockung. Auf dem Land gelte es die Barrierefreiheit bei Neubaubauten zu verwirklichen. Baden-Württemberg sei insoweit aufgrund von Förderungsmaßnahmen durch das Stuttgarter Sozialministerium gut aufgestellt. Instruktiv waren zahlreiche von Kaiser anhand Fotos vorgestellte Baumaßnahmen. Ein Speicher aus dem 17. Jahrhundert im Zentrum eines Dorfes konnte aufgrund eines Anbaus mit zwei barrierefreien Wohnungen versehen werden, der Anbau enthält ergänzend sechs weitere, dazu das gemeinsame Treppenhaus und den Aufzug. Jüngere Nachbarn nehmen die Bewohner mit zum Einkauf oder Arzttermin. Weitere alternative Wohnformen bauen auf dem Prinzip der Wohngemeinschaft auf, das man im studentischen Milieu kennt. Mehrere autarke Wohneinheiten erhalten eine zusätzliche gemeinsame Küche mit Gemeinschaftsraum.

„Die Erkenntnisse lassen sich auf den Bau von Pflegeheimen übertragen. Kleine Wohngruppen in Seniorenheimen sind für die Bewohner erträglicher als anonyme Großeinheiten“, so die Referentin. Als herausragend bezeichnete sie das „Wohngebiet Alter Steinbruch“ in Herdecken im Ruhrgebiet, wo 30 Wohnungen auf einem freien Grundstück entstanden sind. Die Wohnbaugesellschaft hatte im Vorfeld so ausgeschrieben, dass sich Leute mit Gemeinschaftssinn eingekauft hätten, die sich nun gegenseitig ergänzen.

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