Nach Missbrauchsfällen fordert Wissenschaftlerin: „Kirche muss mehr Verantwortung übernehmen“

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Die Professorin Margit Eckholt hat in Untermarchtal gesprochen.
Die Professorin Margit Eckholt hat in Untermarchtal gesprochen. (Foto: Sz- hog)
Friedrich Hog

Im Bildungsforum des Klosters Untermarchtal hat Margit Eckholt, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Universität Osnabrück, anlässlich des Literatursommers über die Bedeutung einer fundierten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Gender-Kategorie in anthropologisch-theologischer Perspektive gesprochen. Dabei verwies sie auf das Leid, das über viele Jahrhunderte Menschen angetan wurde und noch wird, auf die Menschenwürde und die Notwendigkeit einer Entideologisierung.

Selbst Theologiestudentin in den 1980er-Jahren in Tübingen, machte die Referentin von Anfang an klar, dass sich die Institution Kirche mit dem Thema „Sex“ und „Gender“ befassen muss. Die Bischofskonferenz in Fulda im September habe zum Thema „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ zwar Stellung bezogen, aber Punkte wie Verantwortung in der Kirche für Frauen nicht hinreichend vorangebracht.

Entideologisierung des Gender-Begriff

Ausgehend von ihren Erfahrungen in Lateinamerika prangerte Margit Eckholt die zunehmende Hetzjagd ultrakonservativer und rechtsradikaler Gruppierungen an, die gegen das Thema und ihre Vertreter zu verzeichnen ist. Auch wenn diese Kampagnen von der katholischen Kirche nicht unterstützt würden, seien doch auch deren Vertreter daran beteiligt. Die These der Referentin lautete daher: „Aufklärung und Entideologisierung im Blick auf den Gender-Begriff sind angesagt“.

Papst Franziskus spreche in seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ von 2016 zwar von „Gender-Ideologie“, gleichzeitig greife er auf die von der Gender-Theorie vorgelegte Differenzierung von „sex“ und „gender“ zurück und spricht davon, dass das biologische Geschlecht (sex) und die soziokulturelle Rolle des Geschlechts (gender) unterschieden, aber nicht getrennt werden können.

Ausprägung der je eigenen Geschlechtlichkeit

Die „Undefinierbarkeit“ des Menschen müsse in der Freiheit der „imago Dei“ ankommen, so die Referentin, die nur so die Menschenwürde als beachtet betrachtet. Der Mensch als „Abbild Gottes“ ist nach dem grundlegenden Text Genesis 1, 27 als Mann und Frau geschaffen, aber wie schon in der vierten UN-Weltfrauenkonferenz im Peking 1995 formuliert, realisiert sich die Freiheit der „imago Dei“ in der konkreten körperlichen Existenz, und dabei in der Ausprägung der je eigenen Geschlechtlichkeit im Sinne von „sex“ und „gender“.

Auf diesem Hintergrund kann dann Geschlechtlichkeit jenseits von dualistischen Zuschreibungen gedacht und ein essentialistischer Zwei-Geschlechter-Dualismus aufgebrochen werden. Dieses Aufbrechen orientiert sich in christlich-theologischer Perspektive an der Dynamik, Freiheit und Liebe, die in der Tiefe der Schöpfung Gottes gründet und die die theologische Tiefendimension der anthropologischen Grundlagen von Person, Freiheit und Identität prägen.

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