Männer befassen sich mit Gefühlen

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Im Wechsel von Plenum und Workshops machen die Männer Erfahrungen mit ihren Gefühlen: Diözesan-Männerreferent Christian Kindler
Im Wechsel von Plenum und Workshops machen die Männer Erfahrungen mit ihren Gefühlen: Diözesan-Männerreferent Christian Kindler (l.) dankt Süfke für die Impulse, die er gesetzt hat. (Foto: Fromm)
Leonhard Fromm

Die Gemeinschaft unter Männern ist das Hauptmotiv, warum seit 74 Jahren Teilnehmer aus der ganzen Diözese Ende Oktober zum Männertag in das Bildungshaus Untermarchtal kommen. Diesmal ging es um „Männer.Rollen.Wandel“ mit dem Bielefelder Psychotherapeuten und Männer-Coach Björn Süfke. Dessen Hauptaussage: „Männer, emanzipiert euch!“

Hört man sich unter den 80 Teilnehmern in den Workshops um, so wollen viele 60- bis 70-Jährige die Kindheit mit einem emotional meist abwesenden Vater aufarbeiten, der durch die Gewalttaten des Zweiten Weltkriegs geprägt war. Hier liegen auch die Wurzeln des Männertags, wo Seelsorger seit 1945 in erbaulichen Vorträgen den desorientierten katholischen Männern neue Orientierung geben wollten. Heute geht es um erlebnispädagogische Erfahrungen und psychologische Erkenntnisse.

Jüngere Männer nehmen sich hier eine Auszeit vom Berufsalltag, reflektieren die Scheidung der eigenen Eltern oder ihre Rolle als Vater und Ehemann. In den acht Workshops wurde meditiert, mit dem Schlagstock Wut ausagiert, das eigene Mann-sein hinterfragt oder wurden in der Bibel Vorbilder gesucht. Den Boden dafür bereitete der promovierte Psychologe und mehrfache Buchautor Süfke, der am Samstag zunächst im Plenum referierte.

Wenn der 47-Jährige die Männer zur Emanzipation auffordert, so meint er damit nicht den Geschlechterkampf, sondern die Überprüfung ihrer Erziehung und Prägung durch Eltern, Lehrer und gesellschaftliche Konventionen, wie ein Mann zu sein habe. „Wer immer nur in Abgrenzung zum eigenen Vater lebt, in dem er das Gegenteil macht, ist auch nicht frei“, sagt der Vater dreier Kinder, der sich Erziehung und Haushalt konsequent mit seiner Frau teilt und dabei offenbar viel Diskriminierung erlebt.

Süfke lässt durchblicken, dass er selbst einen dominanten Vater hatte und spricht vom „Gesetz der traditionellen Männlichkeit“. Das sei ein Kodex, der nirgendwo schriftlich fixiert ist, aber alle Männer würden ihn kennen. Im Kern besage er: Männer haben keine Gefühle zu haben. Und wer gegen diese Regel verstößt, der werde sozial ausgegrenzt. Diese Norm sitze so tief, dass sich Männer, die dagegen verstoßen, zum Beispiel durch Versagen, selbst bestrafen: Im leichtesten Fall durch Selbstabwertung („Bin ich blöd“), im schlimmsten durch Suizid.

„Drei Viertel aller Selbstmörder sind Männer, die sich selbst richten,“ zitiert Süfke die Statistik. Wegen dieses Kodexes werteten Männer Gefühle ab und stellten sich damit letztlich über die Frauen. Die Folge dieser ungesunden Lebensweise: Männer stürben sieben Jahre früher als Frauen, weil sie etwa durch Drogen, Sport oder Leistungsdruck ihre Gefühle verdecken und somit gefährlicher leben. Süfkes Lösung: „Wir brauchen eine Rebellion gegen das männliche Gefühlsverbot.“ Im Kern gehe es also darum, die Zumutung dieser Norm abzustreifen. Als aber Bastian Schweinsteiger nach seinem Abschiedsspiel mit der Fußball-Nationalmannschaft öffentlich geweint hat, haben die Medien am nächsten Tag „die neue männliche Weinerlichkeit“ getitelt, gibt der Psychotherapeut ein Beispiel, wie kollektive Abwertung funktioniert, wenn ein Mann den Kodex verletzt.

Und weil Gefühle mit Frauen verbunden werden, sei Männern alles verboten, was mit Frauen assoziiert wird. Daher rühre etwa die Phobie gegen Homosexualität. Denn Männer zu lieben, sei den Frauen vorbehalten. Süfkes Korrektur des Missverständnisses, das seine Wurzeln in der Ausbildung von Jungs zu Kriegern und Soldaten habe: „Frauen haben kein Monopol auf Fürsorglichkeit und Männer kein Monopol auf Durchsetzungskraft.“ Es sei menschlich, zu versagen, weil niemand perfekt ist. Diese Botschaft sollten Eltern ihren Kindern mitgeben.

Der Vortrag löste jede Menge Redebedarf bei den Zuhörern aus, der in den Workshops seinen Raum fand, die am Sonntagvormittag fortgesetzt wurden. Vor dem Mittagessen gestalteten die Männer miteinander eine Andacht, in der sie selbst in die Rollen der zwölf Stämme Israels schlüpften und dabei ihre zwölf Sprecher die Archetypen nach C.G. Jung – König, Krieger, Magier und Liebhaber – repräsentierten. Der Jubiläums-Männertag findet in größerem Rahmen am 17./18. Oktober 2020 statt.

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