Digitalisierungswüste? Viele Zensusbeauftragte warten noch auf ihr Geld

 In Baden-Württemberg die Hauptarbeitsgeräte der Zensus-Interviewer: Klemmbrett und Kugelschreiber. In Bayern waren die Erhebung
In Baden-Württemberg die Hauptarbeitsgeräte der Zensus-Interviewer: Klemmbrett und Kugelschreiber. In Bayern waren die Erhebungsbeauftragten mit Tablets unterwegs. (Foto: Arno Burgi/dpa)
Crossmedia-Volontär

Ab Mitte Mai waren beim Zensus 2022, der Volkszählung, etliche Interviewer in den Landkreisen unterwegs. Dafür brauchte es viele Freiwillige. Doch weder bei deren Entlohnung noch bei der Erhebung lief alles rund.

Geld lässt auf sich warten

Der Ulmer Manfred Pötzl führte zwischen Mai und Ende Juni im Alb-Donau-Kreis Interviews mit Hauseigentümern und Bewohnern. Für die Tätigkeit steht jedem Interviewer eine Aufwandsentschädigung zu. Doch Pötzl wartet bereits einige Monate darauf.

Darum geht’s beim Zensus

Bei einem Zensus werden alle zehn Jahre stichprobenartig ausgewählte Menschen in Deutschland befragt. Wohnsituation, Bildung, Berufstätigkeit – daraus sollen künftige Entscheidungen abgeleitet werden. Ein Beispiel: „Schulen und Kitas sollen dort gebaut werden, wo sie fehlen. Wohnungen da, wo sie gebraucht werden“, heißt es im Erklärvideo des Statistischen Bundesamtes.

Allein in Baden-Württemberg wurden in diesem Jahr rund 1,7 Millionen Menschen von freiwilligen Helfern wie Pötzl befragt. Bei etwa 15 Prozent der Bevölkerung klingelte es an der Haustür. Das Land Baden-Württemberg setzte auf Stift und Papierfragebogen. Anders als in Bayern. Pötzl blickt da etwas neidisch über die Landesgrenze nach Neu-Ulm, wo die Interviewer mit Tablets ausgestattet wurden.

Schön, wieder unter Leute zu kommen

Pötzl, der in Altersteilzeit ist, freute sich, in seiner freien Zeit die Zensus-Tätigkeit zu übernehmen. „Nach Corona war es schön für mich, wieder unter Leute zu kommen“, sagt er. Dass die Auszahlung so lange dauert, stört den ehrenamtlichen Helfer.

Zwischen 800 und 1000 Euro könne die Höhe der Aufwandsentschädigung betragen. Vom Landratsamt habe es vorab keine Informationen gegeben, wann er mit dem Geld rechnen könne. Auf Nachfrage per E-Mail sei er kurz und knapp auf eine Auszahlung Ende Oktober vertröstet worden – immerhin vier Monate seien da bereits ins Land gegangen.

Darum setzte Baden-Württemberg nicht auf Tablets

Woher kommt nun der Verzug? Auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ teilt das Landratsamt Alb-Donau-Kreis mit, dass die Antworten aus den Zensus-Interviews händisch ins System eingetragen werden müssen. Das war allerdings nicht nur im Landkreis so, sondern im ganzen Bundesland. Das Land hat sich im Vorfeld gegen die Anschaffung von Tablets entschieden.

„Gründe hierfür waren die hohen Anschaffungskosten für Tablets für eine einmalige Befragung, die den Nutzen einer elektronischen Erfassung während des persönlichen Interviews der Haushaltebefragung nicht rechtfertigen“, heißt es von Seiten der Behörde. 12 000 Geräte hätte das Land hierfür anschaffen und die Interviewer schulen müssen.

Daten werden von Hand abgetippt

Das schlägt sich auf die Bearbeitung innerhalb der Landkreise nieder. Das Geld könne nämlich erst ausgezahlt werden, wenn die Daten aus den Interviews erfasst seien, teilt das Landratsamt Alb-Donau-Kreis mit. Sprich: Sie werden in den Behörden von den Papierbögen abgetippt, um so in die EDV zu gelangen. Das dauert. Die Behörde rechtfertigt dies unter anderem mit der hohen Zahl der Erhebungsbezirke. Rund 42 000 Bürgerinnen und Bürger an 11 000 Anschriften mussten hierfür im Kreis befragt werden. Insgesamt waren rund 260 externe Kräfte im Einsatz, von denen einige Freiwillige gleich mehrere übernommen hätten.

Und die „Online-First“-Strategie?

In Baden-Württemberg lief also vieles noch ganz analog. Und das trotz vorab angepriesener „Online-First“-Strategie. Die Vorbefragung – der Zensus-Testlauf im Vorjahr – lief ausschließlich online. Die Idee: ein nachhaltiger und ressourcenschonender Ansatz „in Zeiten von Papiermangel und steigender Umweltbelastung“, wie es im Monatsheft des Statistischen Landesamtes hieß. Für die Haushaltsbefragungen in diesem Jahr lautete die Devise letztlich doch: Klemmbrett und Kugelschreiber.

Digitalisierung in Bayern scheinbar weiter

Die Digitalisierung scheint in Bayern hingegen weiter vorangeschritten zu sein. Aber: digital heißt nicht immer schnell. Die Aufwandsentschädigungen im Kreis Neu-Ulm sind ebenfalls noch nicht ausbezahlt, teilt das dortige Landratsamt mit.

Die 192 Interviewer konnten bei den Befragungen die Antworten der Bewohner zwar direkt in ihre Tablets eingeben, nachgearbeitet werden musste im Landratsamt aber trotzdem. „Hintergrund ist, dass es keine Schnittstelle gab, über welche die erhobenen Daten direkt über das Gerät bei der Befragung in das System des Landesamts eingepflegt werden konnten“, schreibt die Neu-Ulmer Behörde.

Digital heißt nicht gleich schneller

Sie verweist auf die digitalen Vorteile. Vor allem die Dauer der Interviews habe sich dadurch verkürzt, weil die Tablets nur noch die Fragen anzeigten, die die Bürger tatsächlich hätten beantworten mussten. Doch digitale Technik muss dann auch funktionieren. „Leider kam es zu Lieferverzögerungen, was sich auf den Zeitplan ausgewirkt hat“, räumt die Behörde ein. Außerdem mussten einzelne Geräte ausgetauscht oder repariert werden.

Auch die bayerischen Interviewer erhalten ihre Aufwandsentschädigung erst, wenn alle erhobenen Daten ins System des Landratsamts eingepflegt sind. „Nachdem dies einige Zeit in Anspruch nimmt, haben wir uns dazu entschlossen, eine Abschlagszahlung an die Interviewer zu leisten“, schreibt das Landratsamt und sieht dennoch die Vorteile der digitalien Umstellung, „die man mit den Erfahrungen aus der diesjährigen Premiere, entsprechend ausbauen kann.“

Im Alb-Donau-Kreis ist ein Ende in Sicht

Im Alb-Donau-Kreis hätte inzwischen bereits mehr als die Hälfte der Erhebungsbeauftragten ihr Geld bekommen. „Der Rest wird mit fortschreitender Datenerfassung kontinuierlich ausgezahlt“, heißt es vom dortigen Landratsamt. Wie lang das noch dauern kann? Da möchte sich das Amt nicht festlegen. Ehrenamtler Manfred Pötzl kann sich aber freuen. Inzwischen hat er vom Landratsamt Post bekommen: Seine Aufwandsentschädigung werde demnächst ausgezahlt, heißt es dort. „Es bleibt jedoch die Erkenntnis, sich zukünftig vorher genau anzuschauen, für wen man ein Ehrenamt übernimmt“, sagt der freiwillige Helfer. „In Ulm und im Kreis gibt es genug Einrichtungen, die dankbarer sind für ein Engagement.“

Wir haben die allgemeine Kommentarfunktion unter unseren Texten abgeschaltet. Für einzelne Texte wird es auch weiterhin die Möglichkeit zum Austausch geben. Aufgrund der Vielzahl an Kommentaren können wir derzeit aber keine gründliche Moderation mehr gewährleisten. Mehr Informationen zu unseren Beweggründen finden Sie hier.
Kommentare werden geladen

Persönliche Vorschläge für Sie