Wird Ulm für Mieter unbezahlbar?

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 Investoren wollen in Ulm ihre Gewinne nach oben treiben. Die Wohnungsbaugesellschaft UWS steuert dagegen.
Investoren wollen in Ulm ihre Gewinne nach oben treiben. Die Wohnungsbaugesellschaft UWS steuert dagegen. (Foto: Roland Rasemann)
Sebastian Mayr

Verlieren Ulmer Familien ihre Wohnungen? Werden die Stadt oder ihr Zentrum für Mieter unbezahlbar? Die SPD-Fraktion fordert, dass die städtische Wohnungsbaugesellschaft UWS mehr Bestandsgebäude kauft, um die Miethöhen in der Stadt zu dämpfen. Derweil beantragt die Fraktion der CDU, dass die UWS einen Teil ihrer Wohnungen verkaufen soll – schließlich solle auch das Wohnen in günstig gekauftem Eigentum gefördert werden.

Da werden Preise aufgerufen, die für uns nicht wirtschaftlich und nicht realistisch sind.

Frank Pinsler, UWS-Geschäftsführer 

UWS-Geschäftsführer Frank Pinsler weist die SPD-Forderung zurück: „Da werden Preise aufgerufen, die für uns nicht wirtschaftlich und nicht realistisch sind“, sagt er. Mit Investoren könne die UWS nicht konkurrieren. Auch Pinsler sieht das Risiko, dass manche Stadtgebiete für viele Mieter unbezahlbar werden. Doch die UWS und die Genossenschaften steuerten dagegen.

Den Vorschlag der CDU wolle er nicht kommentieren, ohne sich zuvor an die Fraktion gewandt zu haben. „Unabhängig davon verkauft die UWS regelmäßig einzelne Wohnungen aus teilprivatisierten Wohnanlagen, wenn diese frei werden. Eine Ausweitung der Privatisierungstätigkeit ist derzeit nicht geplant“, erklärt der Geschäftsführer.

Grundstücke schneller ausweisen

Geht es nach den Christdemokraten, soll die UWS jährlich ein Prozent ihrer Wohnungen – also rund 70 Einheiten – an Mieter verkaufen. Zudem fordert Stadtrat Bertram Holz im Antrag, die Stadt solle Bauland vermehrt an Privatleute und Baugemeinschaften vergeben, Grundstücke schneller ausweisen und den Kauf zur Eigennutzung fördern. Bauträger sollen bestärkt werden, mindestens 30 Prozent der Wohnungen, die zum Verkauf stehen, zu einem Preis von höchstens 3500 Euro pro Quadratmeter veräußern. Nach einer Erhebung des Marktforschungsinstituts IVD kostete der Quadratmeter einer Bestandswohnung in Ulm im Herbst 2018 durchschnittlich 2980 Euro.

 Angelika Diemer ist Galeristin und Betreiberin eines Bordells in der Industriestraße in Neu-Ulm. Mit ihrem Betrieb will sie in
Angelika Diemer ist Galeristin und Betreiberin eines Bordells in der Industriestraße in Neu-Ulm. Mit ihrem Betrieb will sie in die Boschstraße umziehen – und lädt die Nachbarn ein, sich selbst ein Bild von dem Etablissement zu machen. (Foto: Alexander Kaya)

Private Investoren haben zuletzt mehrere Häuser in Ulm gekauft. Ein Geschäftsmann hat Mietern gekündigt, um in drei Gebäuden lukrativere Wohngemeinschaften für Studenten einzurichten. Manche Bewohner sind vorzeitig ausgezogen, andere kämpfen um ihr Zuhause.

Es waren konstruktive Gespräche und ich bin sicher, dass wir gute Lösungen für die Fragen finden, die wir klären müssen.

Alexandra Stork, Caritas-Regionalleiterin 

Ein zweiter Aufreger: Das Haus, in dem das Obdachlosenheim der Caritas untergebracht ist, wurde versteigert. Der Sozialverband muss wohl eine neue Immobilie suchen. Die Käufer sind Privatleute. Ein erstes Kennenlernen habe stattgefunden, berichtet Caritas-Regionalleiterin Alexandra Stork: „Es waren konstruktive Gespräche und ich bin sicher, dass wir gute Lösungen für die Fragen finden, die wir klären müssen.“

Ulmer Obdachlosenheim wird verkauft
Seit fast 30 Jahren mietet die Caritas das Gebäude in der Michelsbergstraße. Jetzt ist das Haus verkauft worden. Ob der neue Besitzer weiterhin an die Wohnungslosenhilfe vermieten will, ist noch unklar. Und selbst wenn: Das Haus muss dringend saniert werden.

Die Käufer des von der Caritas angemieteten Hauses stachen auch die UWS aus, die Versteigerungen normalerweise fernbleibt. Mit den Geboten von Geschäftsleuten kann das städtische Unternehmen nicht mithalten. „Das war ein Versuch, weil es sich um eine Spezialimmobilie handelt“, erklärt Pinsler. Die UWS habe gehofft, dass deswegen nur wenige Bieter kommen. Doch das Interesse war groß.

UWS mit 15 000 Mietern in Ulm

Dass Geschäftsleute Wohnhäuser kaufen, sei nicht neu, sagt Pinsler: „Die Mischung verschiedener Investorentypen gab es schon immer.“ Neben der UWS und Genossenschaften wie der Ulmer Heimstätte vermieten große Unternehmen wie Vonovia und andere Eigentümer Wohnungen. Die UWS ist mit 15 000 Mietern Ulms größter Wohnungsgeber. „Ein messbarer Anteil“, sagt Pinsler. Er bezeichnet die Gesellschaft und die Genossenschaften als „korrigierendes Element“.

Karstadt und Kaufhof
Bei der kriselnden Kaufhauskette Kaufhof sollen im Zuge der Fusion mit dem Rivalen Karstadt rund 2600 Stellen abgebaut werden. (Foto: Marius Becker / DPA)

Doch durch Baugebiete steigt die Einwohnerzahl – und durch die neue ICE-Strecke nach Stuttgart auch der Druck auf den Wohnungsmarkt. „Wir sind schon jetzt eine große Nachfrageregion und das wird sich noch verstärken“, kommentiert Pinsler. Dem will die UWS durch ihre Investitionsstrategie entgegentreten: Überall, wo große Wohngebiete entstehen, will sie sich engagieren. Rund 400 günstige Wohnungen sind in Planung, Vorbereitung oder schon im Bau. Doch was ist mit der Innenstadt? „Da haben wir Bestände und die erhalten wir“, betont Pinsler.

Es gibt viele, die zu uns aufschauen.

Alexandra Stork, Caritas-Regionalleiterin

Der Geschäftsführer lobt die Ulmer Bodenpolitik: Die Stadt sichert gezielt Flächen, um sie dann weiterzuverkaufen, sobald die Kommunalpolitiker entschieden haben, wie sich Ulm dort weiterentwickeln soll. „Es gibt viele, die zu uns aufschauen“, berichtet Pinsler. Doch SPD-Mann Martin Rivoir kritisiert, dass die Stadt eine wichtige Chance verstreichen ließ: Das Vorkaufsrecht für das Gummi-Welz-Areal in der Weststadt blieb ungenutzt, dort baut jetzt ein Investor.

Die Antwort auf Rivoirs Kritik liefern die Grünen: Der Gemeinderat habe sich im Oktober 2011 gegen den Kauf des Areals entschieden – auch die SPD habe so abgestimmt. Stadträtin Annette Weinreich bezeichnet ihren Ratskollegen Rivoir in einer Pressemitteilung deshalb als „Märchenonkel“. Am 26. Mai entscheiden die Ulmer über den Gemeinderat. Heiß gelaufen ist offenbar nicht nur der Mietmarkt, sondern auch der Wahlkampf.

Mieter kämpfen gegen Kündigung
Nach einem aktuellen Bericht Medienbericht sollen jetzt auch Mieter eines Hauses in der Ulmer Karl-Schefold-Straße Kündigungen von der Kanzlei aus Biberach erhalten haben. Auch dieses Haus wurde von dem Unternehmer aufgekauft.
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