Wie wird entschieden, was für misshandelte Kinder gut ist?

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 In Räumen wie diesem treffen Kinder ihren Vater oder ihre Mutter – begleitet durch Fachkräfte des Kinderschutzbunds.
In Räumen wie diesem treffen Kinder ihren Vater oder ihre Mutter – begleitet durch Fachkräfte des Kinderschutzbunds. (Foto: Sebastian Mayr)
Sebastian Mayr

Ein Vater kann vor dem Familiengericht durchsetzen, dass er sein Kind sehen darf. Doch wer fragt das Kind, ob es den Vater überhaupt treffen will? Der Kinderschutzbund Ulm/Neu-Ulm hat ein Konzept entwickelt und drei Jahre lang erprobt. So erfolgreich, dass es nicht nur verlängert, sondern auch ausgeweitet wird.

Die Ortsverbände Stuttgart und Mannheim nehmen das Projekt „Kind im Zentrum“ auf. Auch Verbände in Bayern hatten Interesse angemeldet. Doch die Ulmer und Neu-Ulmer wollen Schritt für Schritt gehen. Mit den Ortsverbänden Stuttgart und Mannheim sind die Kontakte eng. Auf lange Sicht, hofft Bettina Müller, soll „Kind im Zentrum“ bundesweit zum Standard werden.

Letztlich braucht es eine staatliche Finanzierung. Der Begleitete Umgang ist eine Gesetzesnorm.

Bettina Müller, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Ulm/Neu-Ulm

Müller, Diplom-Psychologin und Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Ulm/Neu-Ulm, setzt darauf, dass eines Tages die öffentliche Hand einspringt: „Letztlich braucht es eine staatliche Finanzierung. Der Begleitete Umgang ist eine Gesetzesnorm“, sagt sie. Bislang wird „Kind im Zentrum“ durch Spenden bezahlt, den Großteil übernehmen regionale Hilfsorganisationen.

Vater oder Mutter sind bei Treffen nicht allein

Begleiteter Umgang heißt: Wenn die Kinder Vater oder Mutter treffen, sind sie nicht alleine. Es sind heikle Fälle, um die sich die Therapeuten und Umgangsbegleiter des Kinderschutzbunds kümmern. Es geht um Buben und Mädchen aus Trennungsfamilien, die massive Gewalt, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung erfahren haben. Bei „Kind im Zentrum“ werden Gespräche mit Kind und Elternteil geführt – getrennt. Die Beraterinnen fragen die Kleinen nach ihren Wünschen und vermitteln diese den Erwachsenen.

Dass der Nachwuchs entscheiden darf, macht das Projekt so besonders. „Die Kinder kommen oft gar nicht vor in dem Konstrukt aus Gerichten und Anwälten“, sagt Iris Krämer, Vorsitzende des Ortsverbands Mannheim. Beate Staatz ist Therapeutin beim Kinderschutzbund Stuttgart. Sie hat die Erfahrung gemacht: „Den Kindern tut es gut wenn sie merken: Es geht jetzt um mich.“

 Ein kleines Mädchen weint: Im laufenden Jahr wurden bei der Stadt Ulm bereits 170 Fälle, in denen das Kindeswohl gefährdet war,
Ein kleines Mädchen weint: Im laufenden Jahr wurden bei der Stadt Ulm bereits 170 Fälle, in denen das Kindeswohl gefährdet war, aktenkundig. (Foto: dpa)

Bettina Müller schildert einen Beispielfall aus der Arbeit von „Kind im Zentrum“: Da ist ein Vater von zwei Buben, fünf und sieben Jahre alt. In der Familie ist es zu Gewalt gekommen, der Mann hat seine Söhne lange nicht gesehen. Aus Verzweiflung verschanzt er sich mit den Kleinen in der eigenen Wohnung. Die Polizei muss die Geiselnahme mit einem SEK-Einsatz lösen. Zwei Jahre lang haben Vater und Kinder keinen Kontakt. Dann erstreitet er sich vor dem Familiengericht das Recht, die Söhne sehen zu dürfen.

Therapeutinnen führen das Gespräch

Der Kinderschutzbund wird eingeschaltet, Therapeutinnen führen Gespräche mit den beiden Jungen. Vor allem der Ältere hat Bedenken. Die Kinder sagen: Sie wollen ganz sicher sein. Bei den Gesprächen wird genau festgelegt, was das bedeutet. Bei jedem Treffen sind zwei Umgangsbegleiterinnen dabei. Sollte es zu Problemen kommen, würde eine mit den Kindern den Raum verlassen, die andere bliebe beim Vater.

Doch so weit kam es bislang nie. Der Vater, der unter psychischen Problemen leidet, hat sich selbst in Behandlung begeben. Die Begegnungen dauern inzwischen zwei Stunden, zu Beginn waren es nur eineinhalb. „Sie treffen sich regelmäßig, sie basteln zusammen, sie bauen etwas aus Holz“, berichtet Bettina Müller. Vielleicht entwickle sich die Beziehung so, dass Vater und Kinder einmal zusammen und ohne Begleitung in der Stadt ein Eis essen gehen können.

Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.
Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. (Foto: Patrick Pleul/Symbolbild / DPA)

Der Fall ist ein Beispiel, kein Muster. Müller kann auch völlig andere Situationen schildern. Etwa von Kindern, die ihre Eltern nicht sehen wollen, weil sie so verletzt sind. Eine Mutter akzeptierte das, sie schrieb der Tochter einen Brief und hinterlegte ihn beim Jugendamt. Ein Vater dagegen wollte seinen Sohn treffen, weil das Familiengericht ihm das zugestanden hatte. Der Sechsjährige kam, stellte sich vor ihn und sagte: „Ich will dich im Moment nicht sehen und du weißt auch genau warum“. Danach suchte der Vater die Beratung des Kinderschutzbunds, um herauszufinden, wie er das ändern kann.

Zwischen 70 und 80 Familien im Jahr finden Unterstützung durch Begleiteten Umgang beim Kinderschutzbund Ulm/Neu-Ulm. Meistens geht es um Treffen von Vätern mit ihren Töchtern und Söhnen. Für Bettina Müller ist es wichtig, in jedem Fall eine individuelle Lösung zu finden. Wie diese Lösung aussieht, erarbeiten die Therapeuten in Gesprächen mit den Kindern. Dabei helfen Sandkästen, in denen sie mit Figuren ihre Geschichte und ihre Wünsche erzählen. In einem Sandkasten steht ein Zelt: Der sichere, geschützte Ort. Der Vater ist ein Dinosaurier mit offenem Maul, er dreht dem Zelt den Rücken zu.

Ein guter Grundstock. Aber es ist nicht so, dass das alle unsere Probleme lösen würde. 

Bettina Müller, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Ulm/Neu-Ulm

In Mannheim und Stuttgart wird der begleitete Umgang bereits praktiziert, die Gespräche mit den Kindern kommen dazu. Am Dienstag waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Ortsverbände in Ulm, um sich über die Herangehensweise dort informieren. In den beiden anderen Städten soll das Projekt „Kind im Zentrum“ soll schnell wie möglich beginnen. Die Finanzierung läuft über drei Jahre, in jedem Ort kommt eine Drittelstelle dazu. „Ein guter Grundstock. Aber es ist nicht so, dass das alle unsere Probleme lösen würde“, kommentiert Bettina Müller. Der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut Professor Jörg Fegert begleitet das Projekt wissenschaftlich.

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