Wie radioaktiv belastet ist die Müllverbrennungsanlage in Weißenhorn wirklich?

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 Heiko Ringel (Geschäftsführer AKW Gundremmingen), Landrat Thorsten Freudenberger, Peter Dieling, Thomas Moritz (Werksleiter Mül
Heiko Ringel (Geschäftsführer AKW Gundremmingen), Landrat Thorsten Freudenberger, Peter Dieling, Thomas Moritz (Werksleiter Müllkraftwerk) und Klaus Buß (Strahlenschutz Nordbayern) bei einem Pressetermin: Zunächst soll kein radioaktiver Müll im Weißenhorner Müllkraftwerk entsorgt werden. (Foto: Andreas Brücken)
Ronald Hinzpeter

Ist die Müllverbrennungsanlage in Weißenhorn wirklich radioaktiv belastet, weil dort auch sogenannte freigemessene Abfälle aus dem Kernkraftwerk Gundremmingen verfeuert werden? Aufschluss darüber sollen jetzt die ersten Messungen geben. Am Montag wurden bereits Proben aus der Schlacke und den Filtern entnommen. Die gehen an das Bayerische Landesamt für Umwelt in Augsburg, um festzustellen, wie es mit der Strahlenbelastung aussieht.

Erste Ergebnisse liegen möglicherweise in den nächsten Tagen vor. Landrat Thorsten Freudenberger hofft, dass bereits in der nächsten Sitzung des Umwelt- und Werkausschusses des Landkreises darüber beraten werden kann. Nach den Aufregungen der vergangenen zwei Wochen soll dort noch einmal über die Verbrennung von Abfällen aus Gundremmingen beraten werden. Am Montag informierten Fachleute aus dem Kernkraftwerk und vom Landesamt über den Stand der Dinge. Dabei kam auch zur Sprache, wie viel Material vom Rückbau der Atomanlage im Weißenhorner Müllofen landen soll.

Bisher wurden dort 46,1 Tonnen an freigemessenem Material entsorgt, erklärte Thomas Moritz, Leiter des Abfallwirtschaftbetriebes (AWB). Die erste Fuhre kam im April 2016, die letzte im November vergangenen Jahres. Derzeit dürfen keine solchen Abfälle angeliefert werden, das hat der Landrat verfügt, damit erst einmal in Ruhe geklärt werden kann, wie gefährlich die Verbrennung solcher Stoffe tatsächlich ist.

Dabei handelt es sich um sogenannte Mischabfälle. Die zahlreichen Medienvertreter, die am Montag in einem Besprechungsraum der Müllverbrennungsanlage zusammengekommen waren, um vom neuesten Stand der Dinge zu erfahren, bekamen einen kleinen Eindruck davon in Form eines Säckchens voller freigemessener Reststoffe. Es war sozusagen der Blickfang dieser Pressekonferenz. In solchen Beuteln stecken nach Darstellung der AKW-Vertreter etwa Overalls, Socken, Schuhe und sonstige Schutzausrüstungen der Beschäftigten.

Von den rund 4000 Tonnen brennbarem Material aus dem Rückbau des Kernkraftwerks landet in Weißenhorn maximal die Hälfte. Bei diesen 2000 Tonnen freigemessenem Material handelt es sich um Gewerbemüll, wie Heiko Ringel sagte, der technische Geschäftsführer des AKW. „Nach Weißenhorn kommt kein Schutt.“ Das bedeutet: Durchschnittlich müssten in der Müllverbrennung in den nächsten 20 Jahren jährlich 100 Tonnen freigemessenes Material entsorgt werden. Diese Menge werde aber in den nächsten Jahren wohl nicht erreicht, schätzt Thomas Moritz. Angesichts der gesamten Müllmenge, die in Weißenhorn in Rauch aufgeht – künftig bis zu 110 000 Tonnen im Jahr –, mache der Gundremminger Abfall nur einen äußerst geringen Teil aus, so der AWB-Chef. Er lag im vergangenen Jahr bei 0,018 Prozent.

Mit der vermeintlichen Gefährlichkeit des Materials setzte sich ausführlich der Vertreter des Landesamtes für Umweltschutz, Klaus Buß, auseinander. Er beteuerte mehrfach, wie unschädlich das freigemessene Material sei. Angesichts einer mittleren natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland von 2100 Mikrosievert hält er die maximal zulässigen 10 Mikrosievert, die das freigemessene Material haben darf, für völlig unschädlich: „Das ist als nicht radioaktiver Stoff zu betrachten.“ Die zehn Mikrosievert seien verschwindend gering. Er betonte ebenso wie Vertreter des Kernkraftwerks, dass der Abfall mehrfach auf seine Radioaktivität hin gemessen werde. Bevor er das AKW verlassen dürfe, müsse erst noch seine Behörde die Freigabe erteilen. Sie prüfe die Papiere und messe gegebenenfalls nach.

Keine Folgemessung in stillgelegter Pyrolyseanlage

Bevor die Plastiksäcke aus dem AKW nach Weißenhorn kamen, wurden sie jahrzehntelang in die mittlerweile stillgelegte Pyrolyseanlage in Burgau geworfen. Der Günzburger Abfallwirtschaftsbetrieb ließ die komplette Anlage im Jahr 2012 auf radioaktive Belastung hin untersuchen. Wie dessen Leiter Anton Fink jetzt sagte, sei nichts Relevantes gefunden worden. Alle Werte hätten unter der natürlichen Hintergrundstrahlung gelegen. Deshalb habe es keine Folgemessung gegeben. Die Randsteine auf dem Pyrolysegelände hätten stärker gestrahlt als irgendein Teil der Anlage.

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