Wenn der Sonnenschein trügt

Lesedauer: 5 Min
 Nur eine gemeinsame und solidarische Politik für ganz Europa bringt uns weiter, ist die Position des DGB. Deshalb lautet das Mo
Nur eine gemeinsame und solidarische Politik für ganz Europa bringt uns weiter, ist die Position des DGB. Deshalb lautet das Motto: „Europa. Jetzt aber richtig!“ (Foto: Horst Hörger)
Oliver Helmstädter

Auf den ersten Blick sieht es für Arbeitnehmer in der Region prima aus: Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Auswahl an Jobs groß. Wie der erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft IG Metall Neu-Ulm, Günter Frey, am Rande der Maikundgebung auf dem Münsterplatz sagte, habe er keine Erkenntnisse von Metall-Betrieben der Region, dass Jobs abgebaut werden sollen oder Kurzarbeit droht. Selbst die verstärkte Anwendung flexibler Arbeitszeitmodelle („Zeitkonten“) bei Wieland in Vöhringen sei sehr begrenzt.

Doch Frey befürchtet, dass das in naher Zukunft anders sein könnte. Jüngst habe die IG Metall eine Umfrage in den Betrieben gestartet, die zum Ziel hat, herauszufinden, wie sehr kommende Veränderungen sich durchschlagen. Beispielsweise werde der Trend zum Elektromotor auch Folgen für den Landkreis haben, weil beispielsweise weniger Zylinderkopfdichtungen benötigt werden, die in Neu-Ulm ihren Ursprung haben. Unklar seien auch die Folgen der Energiewende auf energieintensive Betriebe wie etwa Oetinger oder Wieland. Hinzu komme die Digitalisierung in den Betrieben („Industrie 4.0“), die auch Arbeitsplätze kosten könnte. Insbesondere leichte Tätigkeiten für Ungelernte drohen wegzufallen.

Dies sei Gewerkschaftsboss Frey spätestens klar, seitdem Siemens-Chef Joe Kaeser vor einiger Zeit für ein bedingungsloses Grundeinkommen plädierte. „Der ist sicherlich kein Linker.“ Folgen habe zudem der Boom des Onlinehandels sogar in Metallbetrieben: So werden immer weniger Einkaufswagen benötigt, was den Weltmarktführer in Leipheim (Kreis Günzburg) zwingt, sich neue Geschäftsbereiche zu erschließen. Sorgen bereitet Frey auch, dass durch eine immer mehr digitalisierte und somit automatisierte Fertigung der Mensch in den Hintergrund gerät. Oft habe er nur noch Überwachungsfunktion. Vor diesem Hintergrund stehe vonseiten vieler Arbeitgeber die Fünf-Tage-Woche zur Disposition. „Dafür müssen wir kämpfen“, so Frey.

Kämpfen will auch Martin Gross, der Landesbezirksleiter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Und zwar für den Tarifvertrag. Nur noch drei von fünf Beschäftigten würden davon in Form von Arbeitnehmerschutz und höheren Löhnen profitieren. Ein unrühmliches Beispiel der Tarifflucht sei das Druckhaus in Ulm. „Ohne jede Not“ sei hier die Tarifbindung aufgekündigt worden. Gross: „Wer die Tarifbindung kaputt macht, macht auch den sozialen Frieden kaputt.“ Die Politik sei aufgefordert, den Schutz von Tarifverträgen zu stärken. Direkt sprach Gross Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch an. Er und seine Kollegen müssten aufpassen, den Sonntag als Tag der Familie nicht weiter zu schwächen. Verkaufsoffene Sonntage müssen an einen Anlass geknüpft sein. Das kann ein Stadtfest oder ein Markt sein. „Aber nicht, wenn ein Möbelhaus eine Hüpfburg aufstellt und das als Kinderfest deklariert“, so Gross.

OB Czisch lobte das Motto der Maikundgebung „Europa. Jetzt aber richtig!“ „Vielleicht sind wir alle in den vergangenen Jahren etwas zu bequem geworden“, sagte Czisch auf dem rappelvollen, sonnenüberfluteten Weinhof, auf dem der Duft frischer gebratener Makrelen mit dem Aroma türkischer Hackfleischspieße konkurrierte. Die Menschen müssten sich wieder daran erinnern, was für ein Pfund die europäische Einigung trotz aller Schwierigkeiten sei. Gerade in Zeiten der Globalisierung gelinge das Durchsetzen „guter Arbeitsbedingungen“ nur im Rahmen eines starken Europas.

Dass das Arbeitsleben in der Region auf den zweiten Blick gar nicht so prima ist, wie es im ersten Moment erscheint, thematisierten die Jugendgruppen des regionalen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) auf der Bühne am Weinhof. In Form eines humorvoll moderierten „Hürdenlaufs“ zeigte der Nachwuchs, welche Hindernisse auf dem Weg ins Arbeitsleben warten: Viele scheiterten schon ganz am Anfang wegen ausländisch klingender Namen an Hürde eins: Rassismus. Hohe Hürden wie geringste Vergütung bei unbezahlbaren Mieten geben anderen den Rest.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen