Wenn der Landrat und Oberbürgermeister in der Kirche tanzen

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Zur Eröffnung des Dekanatstags in Ulm-Wiblingen tanzten die Folkloregruppen der italienischen, portugiesischen und kroatischen
Zur Eröffnung des Dekanatstags in Ulm-Wiblingen tanzten die Folkloregruppen der italienischen, portugiesischen und kroatischen Gemeinde in der Basilika. (Foto: Steidle)
Schwäbische Zeitung

„Ein Tag bunter Glaubensfreude und vielfältigen Gotteslobes.“ Mit diesen kurzen Worten fasst Dekanatsreferent Wolfgang Steffel den großen katholischen Dekanatstag zusammen, der am Samstag im Kloster Wiblingen für die Kirchengemeinden des katholischen Dekanats Ehingen-Ulm veranstaltet wurde. Das Motto „Laudato si“ („Sei gelobt Herr“) stammt aus dem Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi, der durch seine Verbundenheit mit der Schöpfung und als Friedensstifter zu dem Heiligen schlechthin wurde.

Zur Eröffnung in der Basilika holten die Folkloregruppen der italienischen, portugiesischen und kroatischen Gemeinde Landrat Heiner Scheffold und Oberbürgermeister Gunter Czisch in ihren Tanzkreis, ebenso Dekan Ulrich Kloos und die zweite Vorsitzende des Dekanatsrats, Margit Röcker aus Laichingen. Prälat Franz Glaser erzählte über die Bedeutung seines Namenspatrons: „Ich wäre gern ein Franz von Assisi gewesen, war aber in Wirklichkeit ein Franz von Sales.“ Er rief die zahlreichen Besucher auf, das Wirken des je eigenen Namenspatrons für einen lebendigen Glauben zu nutzen.

Nach dem Auftakt begaben sich die Gäste des Dekanats an sechs verschiedene liturgische Inseln, um innezuhalten und zu beten, darunter ein Gebet im Freien, ein ökumenisches in der evangelischen Versöhnungskirche und ein Friedensgebet mit den Untermarchtaler Schwestern.

Wolfgang Steffel pilgerte mit einer 70-köpfigen Pilgerschar zur Nikolauskapelle am Friedhof, wo er das Geheimnis der Dreifaltigkeit als Raum der Geborgenheit erschloss – ein Thema, das seit dem „Jahr der Dreieinigkeit“, das das Dekanat 2014 beging, immer mehr Anhänger findet und eine spirituelle Dreifaltigkeitsbewegung entstehen ließ. Die Choralschola St. Blasius aus Ehingen steuerte dazu festliche orthodoxe Gesänge bei. In der Firma Iveco Brandschutz hielt Betriebsseelsorger Michael Brugger eine Andacht: „Der Heilige Geist findet seinen Ort in dem, was ich arbeite, im Einsatz für den Arbeitskollegen und im kurzen Innehalten während der Arbeit.“

Am späten Nachmittag wurden 17 Arbeitskreise angeboten, darunter thematische Spaziergänge im Freien. So führte Pfarrer Karl Josef Enderle von der Seelsorgeeinheit Laichinger Alb mit Gedanken der ökologischen Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus durch die Illerauen und appellierte an die Verantwortung für die Schöpfung.

Vorort im Klosterhof an den zahlreichen Ständen präsentierte sich auch das Taufkatechese-Team aus Westerheim und Heroldstatt mit Petra Stehle und Aloisa Tritschler. Das Team bereitet Eltern auf die Taufe ihrer Kinder vor und begleitet diese. Anwesend war auch Petra Leigers, die Bundesvorsitzende der Berufsgemeinschaft der Pfarrhaushälterinnen, die für ihren Beruf warb.

Der Wiblinger Kapellenverein stellte eines seiner Projekte vor: die 1722 erbaute und durch den Straßenverkehr beschädigte Nepomukkapelle wurde durch komplette Versetzung vor dem Verfall bewahrt. Dekanatsreferent Steffel zeigte bei einem Gang zum Albvereinshäusle mit dortiger Bierverkostung vierzig Interessierten auf, wie das flüssige Brot und der Glaube zusammenhängen, ausgehend von humorvoll-geistlichen Anekdoten aus seinem Leben und Zitaten zum Bier aus dem Alten Testament.

Start war beim heutigen Pfarramt, der früheren Klosterbrauerei. Dabei rehabilitierte er auch den Bierbauch in geistlicher Perspektive durch die wörtliche Übersetzung eines Psalmverses: „Lobe den Herrn meine Kehle und all mein Bauch seinen heiligen Namen.“ Unter dem Sprichwort „Hopfen und Malz, Gott erhalt’s“ wird das Thema als Jahresschwerpunkt bei Brauereibesuchen und geistlichen Gesprächen in Wirtshäusern fortgesetzt.

Im durchgängigen Programm des Dekanatstags gab es eine eritreische Kaffeezeremonie, die in dem afrikanischen Land für Ruhe und Gastfreundschaft steht, ein Rollstuhlparcours, ein Spielmobil, einen Marktplatz der kirchlichen Einrichtungen und Erkundungen zum Leben des Franziskus.

Schluss- und Höhepunkt war ein feierlicher Gottesdienst in der voll besetzten Basilika mit einem eigens für den Tag zusammengestellten Projektchor aus Sängern von neun Kirchenchören und mit 152 Messdienern, die parallel zum Dekanatstag ihren Ministrantentag veranstalteten.

In der Predigt freute sich Dekan Ulrich Kloos über die Vielfalt kirchlichen Lebens, die am Tag erlebbar wurde, lud zu einem Glauben mit freundlicher Ausstrahlung ein und deutete die franziskanische Armut als ein Weniger an Reichtum, Strukturen und Geltenwollen und als Chance für die Kirche und das Leben des Einzelnen.

Eine nicht enden wollende Prozession aus Ministranten, Gläubigen und vielen Pfarrern aus dem Dekanat führte im Anschluss an die Messfeier durch den Lustgarten in den Kögelhof. Denn die Veranstalter wollten den Gottesdienst bewusst außerhalb der Kirche enden lassen, mitten in der Welt draußen, dort wo der Glaube gelebt und bewährt wird, besonders im Einsatz für Menschen in Not.

Dies symbolisierten 500 Wernerbrote, die im Gedenken an den Gründer des Klosters Werner von Ellerbach aus zwölf Körben an alle Besucher verteilt wurden. Nach Segen und Sendung stiegen Luftballone aus dem Hof in den Abendhimmel: Leichtigkeit im Glauben und Lobpreis in Fülle, von jung und alt, bodenständig himmelwärts.

Von einer Premiere sprachen Landrat Heiner Scheffold und Oberbürgermeister Gunter Czisch in ihren Grußworten zum Dekantatstag in Wiblingen: Sie hätten noch nie einer Kirche getanzt. Doch dann griffen sie das Thema der Veranstaltung „Laudato Si“ und das Wirken des heiligen Franz von Assisi aus. Die Schöpfung sei zu bewahren, das sei nie isoliert an einem Punkt, sondern nur über Grenzen hinweg global möglich, betonte Landrat Scheffold. Nachhaltigkeit bedeute eine nachhaltige Entwicklung und ein ökologisch-soziales Verhalten, damit alle Menschen und auch künftige Generationen von den Früchten der Erde profitieren. „Wir tragen alle Verantwortung für die Schöpfung, und dazu gehört Ökologie und Artenvielfalt“, betonte der Landrat und dankte der Kirche im Landkreis für ihr Mitwirken auf vielen sozialen Feldern, aber auch bei der Integration von Flüchtlingen.

Keine Mauern, sondern Brücken bauen, das sei der Auftrag der Menschen, unterstrich Oberbürgermeister Gunter Czisch. „Wir müssen Brückenbauer ein und dürfen uns hinter unseren Grenzen nicht abschotten“, sagte Czisch. Er warb dafür, Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit Vorort und in ganz Europa zu fördern. Die Pflicht eines Christen sei es, die Menschen weltweit zu sehen und ihnen in ihren Ländern Perspektiven zu eröffnen. Er würdigte den Einsatz vieler Christen am Mitmenschen und für Demokratie und Freiheit, einen Einsatz, den man nicht nur delegieren darf. Jeder Mensch an seinem Platz sei dazu aufgerufen, das sei „der Kern des Christseins.“ (hjs)

Weitere Fotos zum Dekanatstag in Ulm-Wiblingen finden sich im Internet unter www.schwaebische.de/dekanatstag-wiblingen

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