Vorwurf der Israelischen Gesellschaft: Kirche verschafft Antisemitismus Gehör

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 Der israelisch-palästinensische Konflikt reicht von Aktivisten in Bethlehem (Foto) bis nach Ulm: Die politische Aufforderung „
Der israelisch-palästinensische Konflikt reicht von Aktivisten in Bethlehem (Foto) bis nach Ulm: Die politische Aufforderung „Boycott, Divestment, Sanctions“ (BDS) geht auf den Palästinenser-Präsidenten Machmud Abbas zurück. (Foto: Al Haslhamoun / dpa)
Oliver Helmstädter

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) verschärft den Ton gegenüber dem Dekanat der Evangelischen Kirche: Wie die regionale Arbeitsgemeinschaft der DIG in einer Pressemitteilung erklärt, habe nach Jahren des Streits um Vortragsveranstaltungen keine Übereinstimmung mit Kirchenvertretern erreicht werden können. Die DIG wirft der Kirche vor, Antisemiten nachhaltig ein Forum zu geben.

Der jüngste Aufreger: Kommenden Mittwoch, 26. September, hält die umstrittene Publizistin Judith Bernstein um 19.30 Uhr einen Vortrag im Haus der Begegnung. Der selbe Vortrag („Jerusalem – Herzstück des israelisch-palästinensischen Konflikts“) hatte im vergangenen Jahr bereits in München für Querelen gesorgt. Die Tagungsstätte Gasteig kündigte damals den Mietvertrag, da Mitveranstalter der BDS-Kampagne nahe stünden. Doch das Landgericht hob die Kündigung per einstweiliger Verfügung auf. Bernstein ist jüdisch, hat in Israel gelebt und gilt als eine scharfe Gegnerin der Besetzung des Westjordanlandes. Bernstein habe an führender Position den Protest palästinensisch-israelischen Gruppen nach Deutschland gebracht, schrieb die „Süddeutsche Zeitung“.

Kirche verschaffe einer antisemitischen Bewegung Gehör

Der Vorwurf der DIG reicht tief: Die Kirche verschaffe einer antisemitischen Bewegung Gehör. Das rufe gerade in Deutschland Erinnerungen an den Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte und an Gewalt gegen Juden hervor. Einen Vergleich, den Bernstein auf ihrer Homepage als abwegig bezeichnet.

Die Abkürzung BDS steht für „Boycott, Divestment and Sanctions“, also den Boykott israelischer Produkte, Abzug von Investitionen aus dem Land sowie Sanktionen, um Israels angeblich kolonialistische Politik zu Lasten der Palästinenser zu stoppen. Die BDS-Bewegung wird – je nach Quelle – als pro-palästinensisch oder antisemitisch beschrieben. Die deutschen Israel -kritiker betonen immer wieder, letzteres nicht zu sein. Was allerdings Steffen Lutz, der Vorsitzende des DIG in Ulm bestreitet.

Für die DIG steht fest, dass Boykottappelle in Form des modernen Aufrufes „Kauft nicht beim Juden“ indiskutabel sind. Die DIG Ulm/Neu-Ulm habe hierzu in der Vergangenheit wiederholt das Gespräch mit dem Dekanat der Evangelischen Kirche gesucht. Eine gemeinsame Erklärung gegen die BDS-Initiative von der DIG und der Evangelischen Kirche in Ulm sei aber seitens des Dekanats abgelehnt worden. Lutz: „Wir bedauern, dass sich in so einer einfachen Frage der Distanzierung von offen antizionistischer Propaganda kein Konsens herstellen lässt.“ Die DIG Ulm/Neu-Ulm werde sich dadurch nicht davon abhalten lassen, Veranstaltungen dieser Art in Zukunft weiterhin öffentlich zu kritisieren und zu kommentieren.

„Man muss auch seine besten Freunde auch mal kritisieren dürfen“

Wie Martin Tränkle, der zweite Vorsitzende der DIG in Ulm auf Nachfrage sagt, habe Dekan Ernst-Wilhelm Gohl schriftlich erklärt, ein Gegner der BDS-Bewegung zu sein. Warum er solchen Israel-Gegnern dennoch regelmäßig ein Podium biete, sei sein Geheimnis. Dass Aufrufe zum Boykott gegen den Staat Israel zwangsläufig den Nährboden für antisemitische Ausschreitungen mit sich bringen, bestreitet Pfarrer Michael Hauser, der Geschäftsführer des Hauses der Begegnung, einer Bildungs- und Kultureinrichtung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm. „Man muss auch seine besten Freunde auch mal kritisieren dürfen“, sagt Hauser.

Bei den im Fokus stehenden Vorträgen gehe es um Menschenrechte, nicht um Religion. Der DIG wirft Hauser eine unzulässige Gleichsetzung von Kritik an israelischer Politik mit Judenfeindlichkeit vor. „Ich habe israelische und jüdische Freunde“, sagt Hauser, „die finden längst nicht alles toll, was die Regierung in Israel macht.“ Aus Sicht des Dekanats wäre es „undemokratisch“ Kritik an Israel per Erklärung grundsätzlich auszuschließen. Die Arbeitsgemeinschaft der DIG Ulm/Neu-Ulm verortet Hauser am „äußersten rechten Rand“. Das Existenzrecht Israels habe keiner der kritisierten Referenten in Frage gestellt, doch allein wegen eines kritischen Blicks auf die Situation der Palästinenser sollten sie mundtot gemacht werden. „Den Nazis nimmt deswegen keiner die Schuld.“ Um ein Gegengewicht zu den Israel kritischen Vorträgen in der Ulmer Volkshochschule zu etablieren, veranstaltet der DIG in Ulm eigene Vorträge. Im vergangenen Jahr sprach etwa Referentin Sarah Zoabi, eine religiöse Muslima, die sich als israelische Patriotin versteht, über ihre Haltung.

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