Vom Vollzeit-Junkie zum YouTube-Star: $ick stellt sein Buch vor

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Ex-Junkie $ick bei seinem Auftritt im Ulmer Roxy.
Ex-Junkie $ick bei seinem Auftritt im Ulmer Roxy. (Foto: Kümmritz)
Stefan Kümmritz

Ex-Junkie $ick war nicht ins Ulmer Roxy gekommen, um die meist jungen Besucher im ausverkauften Studio zu bekehren, aber genau das musste letztlich der Effekt seines mit Fotos und Filmen angereicherten Auftritts sein. Denn was er aus seinem über 20 Jahre dauernden Leben als Drogenabhängiger berichtete, ließ einem jede Lust auf das „Zeug“ vergehen. $ick, der für seine biografischen Erzählungen unter dem Titel „Shore, Stein, Papier“ den Grimme-Online-Preis erhalten hat, hat vor gut drei Monaten seine Geschichte als Buch mit dem gleichen Titel herausgebracht.

Das Suchtproblem nimmt man mit ins Grab.

$ick, Ex-Junkie 

Waren die Zuhörer auch dank der leutseligen Art von $ick, seinen offenen Worten über seinen Konsum beispielsweise von „Shore“ (Heroin) und „Stein“ (Koks) sowie der kriminellen Beschaffung des Geldes („Papier“) für seine Drogen zunächst eher belustigt, so wurde es am Ende im Saal ganz ruhig. Da schilderte der Autor drastisch, wie ein Kumpel von ihm völlig zugedröhnt fast ums Leben gekommen wäre. Zumal $ick betonte: „Das Suchtproblem nimmt man mit ins Grab.“ Mit anderen Worten: Wird man einmal süchtig, besteht die Gefahr des Rückfalls ein Leben lang. Das gelte auch für ihn.

Kindheit in Sindelfingen

In Homburg geboren, in Sindelfingen die Kindheit erlebt, kam $ick als 13-Jähriger mit seiner Mutter nach Hannover zu deren neuem Freund. Er fühlte sich von diesem nicht angenommen und auch sonst nicht wohl in der Stadt. Da hatte er schon einiges auf dem Kerbholz: Mit einem Luftgewehr Lampen ausschießen oder BMX fahren, „nachdem ich das Ding vorher geklaut hatte“. Bei einer Party, erzählte Sick, war er „gut voll“. Die anderen Jungs kifften und er wollte auch mal ziehen: „Ich zog und es schmeckte scheiße. Aber ich habe weiter gezogen und beim vierten Mal dachte ich: Alter, wie geil ist das denn?“

Ein paar Mitgefangene sagten, das sei kein Knast, sondern ein Sanatorium.

$ick, Ex-Junkie

Der Weg in die Drogensucht war für ihn damit geebnet. $ick erzählte von Depressionen, Ecstasy und „total kaputt gespritzten Armen“, von Dealern und von Emotionen, mit denen man als Süchtiger nicht klar kommt. $ick wollte damals „das Gefühl jeden Tag“. Aber es kostete „Papier“. Er übte sich im Ladendiebstahl und „wurde immer wieder von den Bullen aufs Revier gebracht“. Schließlich drehte er immer öfter Dinger und landete im Gefängnis. „Das war nicht so schlimm“, fand er. „Ein paar Mitgefangene sagten, das sei kein Knast, sondern ein Sanatorium.“ Aber er versuchte zu fliehen. Beim dritten Mal hat es geklappt. Doch später musste er noch dreimal einsitzen.

Als sich in einer von ihm eingeworfenen Fragerunde eine junge Frau nach seiner 15-jährigen Tochter erkundigte, gestand $ick: „Ich bin immer noch Cannabis-Fan. Mit diesem Zeug kann ich umgehen. Ich rede oft mit meiner Tochter über Drogen. Wenn sie es echt probieren will, dann aber daheim unter meiner Aufsicht und nicht auf der Straße.“ Selbst, so erzählte er, hat er 2012 letztmals zu „Shore“ gegriffen. „Vor meiner letzten Entgiftung. Da habe ich es mir nochmal gegeben.“ Nach der Entgiftung habe er sich dann „dreieinhalb Jahre beschissen“ gefühlt.

Über alte Bekannte zum Fotografieren

Über einen alten Bekannten kam er zum Fotografieren, Filmen und Schreiben und er hat mit Freunden ein Rap-Label gegründet. Das hat ihm wie das Umsorgen der Tochter geholfen, „und ich habe anderen geholfen.“ Das tut er heute ganz intensiv. Er geht an Schulen und macht Präventionsarbeit. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber eindringlich. Im Roxy sagte er es so: „Man darf nicht vor einem riesigen Berg Scheiße stehen.“

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