Verschwörungsideologen wollen am Samstag vor dem Rathaus hetzen

 Das Q steht für die QAnon-Bewegung. Ihre Anhänger glauben, dass Eliten systematisch Kinder missbrauchen. Auch in Ulm sollen nun
Das Q steht für die QAnon-Bewegung. Ihre Anhänger glauben, dass Eliten systematisch Kinder missbrauchen. Auch in Ulm sollen nun Verfechter dieser "Theorie" sprechen. (Foto: KYLE GRILLOT)
Regionalreporter Ulm/Alb-Donau

Viel Sonne und angenehme Temperaturen: Aktuell zeigt sich der Herbst von seiner sympathischen Seite. Doch es braut sich womöglich etwas zusammen in Deutschland, Stichworte: hohe Energiepreise und Inflation. Manche befürchten einen „Wutwinter“ – und in Ulm könnte es an diesem Samstag, 24. September, tatsächlich einen Vorgeschmack darauf geben.

Die Thesen sind ziemlich absurd

Einwanderer, die deshalb ins Land geholt würden, weil sie still und heimlich das deutsche Volk ersetzen sollen. Eine Elite, die dem Satanismus und Kannibalismus frönt. Ihre Thesen sind so steil wie absurd, manche halten sie für gefährlich. Doch Aktivisten wie Thorsten Schulte finden trotzdem Gehör.

Schulte ist eines von drei bekannten Gesichtern in der Szene der Verschwörungsgläubigen, die am Samstag auf dem Ulmer Rathausplatz ihr krudes Gedankengut unter die Zuhörerschaft schwurbeln dürfen.

Die Kundgebung soll von 11 bis 15 dauern, angemeldet bei der Stadt wurde sie von einer Frau, die zuletzt auch die „Spaziergänge“ in Ulm angemeldet hatte (diese finden in der Regel freitags statt, so auch am Freitag, 23. September, wieder).

Das Motto der Kundgebung am Samstag lautet: „Ulm sagt Nein“ – und zwar zu „(rituellem) Kindesmissbrauch“, zu den „Kostenexplosionen bei Gas und Strom“ sowie zum Krieg in der Ukraine.

Was steckt wirklich hinter der Kundgebung?

Nun dürfte es Konsens sein in dieser Gesellschaft, dass ein Ende des Krieges, den Russland mit seinem Überfall auf die Ukraine ausgelöst hat, grundsätzlich wünschenswert wäre. Und auch für wieder sinkende Energiepreise dürfte sich eine deutliche Mehrheit finden – ganz zu schweigen von dem Umstand, dass Kindesmissbrauch ein abscheuliches Verbrechen darstellt.

Deshalb darf die Frage erlaubt sein – da es sich bei den aufgestellten Forderungen offensichtlich um Selbstverständlichkeiten handelt, die die allermeisten ohne zu zögern unterschreiben würden: Warum findet diese Kundgebung tatsächlich statt?

Die Antwort gibt’s womöglich erst live vor Ort. Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass es den Organisatoren und Rednern um ihre ganz eigene Agenda geht und das ausgerufene Motto nur dafür sorgen soll, dass möglichst viele Besucher kommen. Laut Rainer Türke, Leiter der Ulmer Bürgerdienste, seien für die Kundgebung 500 Personen angemeldet worden.

Sie wittern verrückte Verschwörungen

Gut möglich, dass es deutlich mehr werden. Denn die drei angekündigten Redner sind keine Unbekannten. Thorsten Schulte zum Beispiel gilt seinen Kritikern als rechter Verschwörungsideologe, der auch schon einen kleinen Bestseller gelandet hat.

In seinem Buch „Kontrollverlust“ (2017) soll er unter anderem für „Schusswaffen für alle“ plädieren. Eine andere seiner Thesen: Dass die „deutsche Nationalität“ abgeschafft werden soll – und ersetzt durch eine „negroide Zukunftsrasse“. Dieses Vorhaben würde bereits seit den 1920er Jahren forciert.

Als weiterer angekündigter Redner passt da Wolfgang Greulich gut ins Bild. Er ist „Querdenken“-Aktivist und zetert oft und gerne gegen die Bundesregierung. Sein Ziel: „dem Regime“ in Berlin, das korrupt und perfide sei, die „Hosen“ ausziehen und es ins Gefängnis stecken.

Das sagt die Stadtverwaltung

Dritter im Bunde ist Marcel Polte. Er ist überzeugt davon: US-Militär und Geheimdienste würden seit den 1950er Jahren systematisch Kinder foltern und missbrauchen. Mit dem Ziel, „bewusstseinskontrollierte“ Sklaven zu erschaffen, die für Kinderprostitution (Erpressung), Kinderpornografie, Drogenhandel und Attentate eingesetzt werden. Nachzulesen in seinem Buch „Dunkle neue Weltordnung“.

QAnon lässt grüßen. Es waren auffällig viele Anhänger dieser US-Verschwörungsideologie, die teilnahmen im Januar 2021 am blutigen „Sturm“ aufs Kapitol in den USA. Und nun wird gehetzt mit ähnlich klingenden – und kaum minder irren – Thesen unweit des Ulmer Rathauses?

Die Ulmer Verwaltung gibt an: Sie sei vorbereitet. Gemeinsam mit der Polizei habe man mit der Anmelderin der Kundgebung bereits ein „Kooperationsgespräch“ geführt. Rainer Türke von den Bürgerdiensten teilt mit Blick auf Samstag mit: „Wir gehen davon aus, dass die Versammlung friedlich verläuft.“ Jedoch: Auf Polizei werde man nicht verzichten. Es seien Beamte vor Ort.

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