Ungeheuerliche Vorwürfe: Polizeikommissar drohen vier Jahre Haft

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Ungeheuerliche Vorwürfe: Polizeikommissar drohen vier Jahre Haft
Ungeheuerliche Vorwürfe: Polizeikommissar drohen vier Jahre Haft (Foto: Scholz)
Schwäbische Zeitung
Michael Peter Bluhm

Die Vorwürfe gegen einen 51-jährigen Ulmer Kriminalbeamten sind ungeheuerlich: Der verheiratete Familienvater soll in seinem Polizeirevier über einen Zeitraum von zwei Jahren in 28 Fällen Strafanzeigen und Ermittlungsakten beseitigt haben. Außerdem wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann vor, in sechs weiteren Fällen Geldbeträge aus Strafbefehlen und Sicherheitsleistungen von zu schnell gefahrenen ausländischen Autofahrern zwischen 100 und 5000 Euro für sich behalten haben, statt sie sofort weiterzuleiten.

Seit Dienstag steht der Polizist wieder vor dem Schöffengericht. Die Anklage lautet auf Diebstahl, Strafvereitelung im Amt, Veruntreuung und Unterschlagung. Im Fall einer Verurteilung droht dem Kommissar eine Freiheitsstrafe von bis zu vier Jahren.

Der Fall war im November vergangenen Jahres schon einmal angesetzt, platzte aber nach einigen Verhandlungstagen. Der Angeklagte hatte damals über „schwere Schmerzen“ geklagt und erklärt, er werde gerade stationär in einem Krankenhaus behandelt. Am Dienstag sagte er beim erneuten Prozessbeginn, er sei im Frühjahr dieses Jahres erfolgreich operiert worden. Der medizinische Gutachter hatte ihm volle Vernehmungsfähigkeit attestiert.

Welches Motiv hatte der Mann?

Wie im ersten Prozess ist auch im zweiten Verfahren die Kardinalfrage für das Gericht: Welches Motiv hatte der Mann, dass er trotz eines gesicherten Einkommens, einer intakten Familie und nur wenig Schulden solche hochkriminellen Taten begangen hat. Er trinke nicht und sei kein Glücksspieler („Ich spiele nur Lotto“), gab der Mann auf die Fragen des Gerichts zur Person an. Sein Verteidiger hatte schon im ersten Prozess den tadellosen Leumund des Familienmenschen betont. Sein Mandant habe sich vom einfachen Verkehrspolizisten im Lauf seiner 31-jährigen Berufslaufbahn zu einem vielfach gelobten Kriminalbeamten hochgearbeitet, der sich als Allrounder ausbilden ließ, beim Landeskriminalamt in der Terroristenabteilung tätig war und immer wieder den Aufgabenbereich wechselte. Der Angeklagte war Brandermittler, Spurensicherer, Leichensachbearbeiter in Sonderkommissionen für Tötungsdelikte und Rauschgiftermittler.

Warum ein solcher Mann karrieremäßig auf der Stufe eines Kommissars steckenblieb und in einem kleinen Revier landete, erschloss sich bei der Verhandlung im vergangenen Jahr nicht. Es seien andere bevorzugt worden, aber die Arbeit habe trotzdem Spaß gemacht, sagte der Angeklagte nun. Auf Anraten seiner beiden Anwälte machte er keine Aussagen zu den Vorwürfen.

Doch das Bild vom makellosen Beamten bekam Risse, als in der Verhandlung bekannt wurde, dass der Angeklagte schon früher mal in die Kaffeekasse seiner Kollegen gegriffen und Geld herausgenommen hatte. Der Vorgesetzte verzichtete gegen eine Spende an den Ulmer Kinderschutzbund auf eine Anzeige. Außerdem wurde eine Privatinsolvenz des Angeklagten bekannt, die ein mögliches Tatmotiv darstellen könnte.

Fehlende Kontrollmechanismen?

Im abgebrochenen ersten Prozess hatten die Verteidiger behauptet: Sämtliche ihrem Mandanten zur Last gelegten Vorwürfe seien dem „Saustall-Revier“ zuzuschreiben. Dass Bußgelder verschlampt worden seien, liege nicht an ihrem Mandanten sondern an den fehlenden Kontrollmechanismen in der Dienststelle. Am nächsten Verhandlungstag des nun laufenden Prozesses sind die Kollegen des Angeklagten als Zeugen geladen. Sie werden die Gelegenheit haben, zu diesen Vorwürfen Stellung zu beziehen.

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