Unbekannte werfen Flugblätter der Weißen Rose vom Ulmer Münster

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Bislang noch Unbekannte haben am Mittwoch Flugblätter der Weißen Rose vom Ulmer Münster geworfen. Es sah ein bisschen aus wie S
Bislang noch Unbekannte haben am Mittwoch Flugblätter der Weißen Rose vom Ulmer Münster geworfen. Es sah ein bisschen aus wie Schnee. (Foto: Screenshot / Kroha)
Schwäbische Zeitung
Digital-Redakteur Alb-Donau-Kreis/Ulm

Der Himmel hoch über dem Ulmer Münster ist blau, der Frühling da. Auf dem Platz vor der Kirche tummeln sich Hunderte Menschen, es ist Markt. Doch plötzlich schneit es: Wie kann das sein? Und tatsächlich: Es rieselt vom Himmel, Papierzettel – wie Schneeflocken. Viele gucken verdutzt nach oben.

So passiert am Mittwoch in Ulm. In einer geschlossenen Facebook-Gruppe, in der vor allem Themen rund um Ulm und Neu-Ulm eine Rolle spielen, wurde ein Video davon gepostet und bereits mehrfach geteilt sowie kommentiert.

Zettel als „Flugblätter der Weißen Rose“ betitelt

Denn es handelt sich bei den Papierzetteln nicht um irgendwelche Zettel, die nach Angaben einer Sprecherin des Polizeipräsidiums Ulm gegen 13.15 Uhr vom Ulmer Münsterturm geworfen wurden. Die Zettel waren bedruckt mit der Überschrift „Flugblätter der Weißen Rose“. Und darunter wortwörtliche Auszüge aus Flugschriften, die die Ulmer Geschwister Sophie und Hans Scholl aus Widerstand gegen die Diktatur des Nationalsozialismus verfasst hatten. „Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen“, heißt es zum Beispiel in der ersten Zeile eines Flugblattes, das ein Facebook-Nutzer fotografiert und in der Gruppe hochgeladen hat.

Die Ulmer Volkshochschule, die die Denkstätte der Weißen Rose in Ulm betreut, sei für die Aktion nicht verantwortlich, so eine Mitarbeiterin auf Nachfrage: „Wir wissen nichts davon. So etwas Außergewöhnliches hätten wir mitbekommen.“

Auch beim Hans-und-Sophie-Scholl-Gymnasium weiß man von nichts. „Am 22. Februar, dem Todestag der Geschwister Scholl, haben wir im Münster Zettel hochgeworfen“, sagt Schulleiterin Karin Höflinger-Schwarz im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“: „Aber das jetzt war niemand von uns.“

Zwei Personen wurden gesehen

Der Ulmer Polizei ist der Vorfall zwar bekannt, wer und auch welche genauere Intention hinter der Aktion steckt, sei bislang aber unklar. „Die Kollegen ermitteln und haben den Vorfall überprüft“, so eine Sprecherin des Polizeipräsidiums. „Es wurden auch zwei Personen gesehen, eine Frau und ein Mann, die möglicherweise etwas damit zu tun haben könnten.“ Die Personen sollen um die 20 Jahre alt sein. „Aber wir wissen nicht, wer der Mann und die Frau sind und ob sie überhaupt etwas damit zu tun haben.“

Warum die Flugblätter gerade am Mittwoch, 4. April, vom Ulmer Münster geworfen wurden, ist derzeit ebenfalls ein Rätsel. In der Geschichte der Weißen Rose gibt es keinen bedeutenden Jahrestag am 4. April.

Einzig: Auf dem Platz vor der Universität in München, der nach den Geschwistern Scholl benannt ist, erinnern in den Boden eingelassene steinerne Flugblätter an die Weiße Rose. Diese wurden in der Nacht auf den 4. April 2006 von Unbekannten zerstört.

Das Werfen der Flugblätter vom Ulmer Münster ist strafrechtlich eher unbedeutend. „Es wurden ja keine Personen verletzt“, so die Polizeisprecherin. Auch der darauf abgedruckte Text sei unproblematisch. Jedoch sei es eben auch nicht erlaubt, einfach so einen Stapel Papier irgendwo abzustellen.

Studenten der Münchner Ludwig-MAximilian-Universität erinnern an das Erbe der Weißen Rose
Was bedeutet es, an der LMU in München zu studieren? Wieso ist es wichtig, sich an die Geschwister Scholl und die Widerständler der Weißen Rose zu erinnern? Was bedeutet Widerstand heutzutage? Das haben wir Studenten der LMU gefragt. Am Sonntag jährt sich die Flugblattverteilung an der LMU zum 75. Mal.
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