Ulmer Theater: Zwei Menschen drehen sich im Kreis

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Konstellationen im Podiums des Theaters Ulm: Markus Hottgenroth und Tini Prüfert
Konstellationen im Podiums des Theaters Ulm: Markus Hottgenroth und Tini Prüfert (Foto: Jean-Marc Turmes)
Andreas Brücken

Die Grundlage für das Stück „Konstellationen“ scheint so absurd wie wahrscheinlich: Der britische Dramaturg Nick Payne legt seiner Geschichte die Unendlichkeit des Universums zugrunde. Diese von Wissenschaftlern als Quantenphysik bezeichnete Theorie geht davon aus, dass das Universum in seiner Unendlichkeit gleichermaßen auch unendliche Möglichkeiten in Raum und Zeit bietet. Die daraus von Payne entwickelten Szenenfolgen beleuchten das Leben von Marianne, gespielt von Tini Prüfert, und Roland (Markus Hottgenroth) in wiederkehrenden Situationen und jeweils unter anderen Voraussetzungen: Welche Auswirkung hätte es, wenn zwei Menschen nur geringfügig verändert aufeinander treffen? Am Samstag war Premiere im Podium des Theaters Ulm.

Payne lässt sich seine Charaktere wie unbeholfene Chaoten, verträumte Romantiker oder selbstbewusste Draufgänger immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen begegnen. Die Schwächen und Stärken der beiden Figuren reagieren jedes Mal unterschiedlich aufeinander und eröffnen damit immer neue Möglichkeiten: Die erste Begegnung, das Geständnis eines Seitensprungs oder letztlich eine lebensbedrohliche Erkrankung. Beeindruckend schnell schalten die beiden Schauspieler dabei von erotisch aufgeladen zu latent aggressiv oder ordinär betrunken um. Dabei dreht sich alles um das Leben, das von Susanne Harnisch in Form eines Karussells auf der Bühne dargestellt wird. Hier nähern sich Marianne und Roland an, distanzieren sich voneinander oder drehen sich – gleich ihren Dialogen – immer wieder im Kreis.

Für den Zuschauer bleibt die Frage, ob der Mensch in seinem Dasein nur ein Statist in den unendlichen Möglichkeiten der theoretische Physik ist, oder ob er als Individuum einen Einfluss auf sein persönliches Schicksal hat. Letztlich dreht sich in Paynes Theater alles um den unausweichlichen Tod, der die beiden zusammenführt. So setzt der Autor, sicher nicht ohne Zufall, dem Stück mit Mariannes Erkrankung im Gehirn ein Ende – im Ort der Wahrnehmung und Vernunft also.

Tröstend die Worte, die der Autor seiner Darstellerin Marianne in den Mund gelegt hat: „Die Grundgesetze der Physik kennen weder Vergangenheit noch Gegenwart.“ Die Zeit sei irrelevant auf der Ebene von Molekülen und Atomen. Es sei symmetrisch, erklärt sie und weiter: „Wir haben alle Zeit, die wir jemals hatten, du wirst immer noch all’ unsere Zeit haben und es wird weder mehr noch weniger davon geben, selbst wenn ich weg bin.“

Die Schauspieler Prüfert und Hottgenroth glänzen in den Rollen der Marianne und des Roland – das müssen sie auch: Schließlich würde das Stück mit ständig wiederholenden Szenen schnell in der Langeweile versanden. Doch das Duo lässt keine Sekunde auf der Bühne aus, den Figuren die notwendige leidenschaftliche Präsenz zu geben. Damit halten sie im wahrsten Sinne das Karussell der unbegrenzten Möglichkeiten für die Zuschauer mitreißend in Bewegung.

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