Ulmer Studie: 114.000 Menschen wurden Opfer sexueller Gewalt durch katholische Priester

Lesedauer: 7 Min
 Eine Studie der Uni besagt, dass die Fallzahl viel höher ist als angenommen. Ulmer Katholiken beleuchten das Problem.
Eine Studie der Uni besagt, dass die Fallzahl viel höher ist als angenommen. Ulmer Katholiken beleuchten das Problem. (Foto: dpa / Jochen Lübke)
Sebastian Mayr

Rund 114.000 Menschen sind in Deutschland von einem katholischen Priester sexuell missbraucht worden – diese Schätzung geht aus einer aktuellen Studie des Ulmer Professors Jörg Fegert hervor. Darin ist von einer hohen Dunkelziffer die Rede. Trifft die Annahme zu, dann gäbe es mehr als 30 Mal so viele Fälle als die 3677, die in einer Studie im Auftrag der deutschen katholischen Bischöfe genannt werden. In Einrichtungen der evangelischen Kirche sollen noch einmal etwa ebensoviele Menschen Opfer sexueller Übergriffe geworden sein.

Die Studie „Sexuelle Gewalt durch Seelsorger und in kirchlichen Institutionen“, die der Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Uni Ulm gemeinsam mit dem Psychologen Andreas Witt verfasst hat, soll demnächst in der Fachzeitschrift „Journal of Child Sexual Abuse“ erscheinen. Die Wissenschaftler führen auch geschätzte Zahlen von Übergriffen durch Musiklehrer (geschätzt 85.800 Opfer), Sporttrainer (geschätzt 200.000 Opfer) und im schulischen Bereich (geschätzt eine Million Opfer) auf.

Befragt wurden 2516 Männer und Frauen mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die geringe Fallzahl bei der Studie problematisch ist. Nach statistischen Verfahren liegt die Zahl der Betroffenen mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 28.592 und 228.736 – auch die niedrigste Zahl dieses Intervalls ist annähernd zehn Mal so hoch wie die Zahl, die in der Studie im Auftrag der deutschen katholischen Bischöfe genannt wird.

Fegert gilt als renommierter Experte

Fegert, seit vergangenem Jahr Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande, gilt als renommierter Experte bei Fragen zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Am kommenden Dienstag, 19. März, will er als Referent im Haus der Begegnung in Ulm Einblicke in das erschütternde Thema geben und dabei auf die Situationen im familiären Umfeld, in der Kirche und anderen gesellschaftlichen Einrichtungen eingehen – auf Einladung der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Ulm und der Katholischen Erwachsenenbildung Ulm (KEB). Der Abend bildet den Auftakt der Veranstaltungsreihe „Die Zeit heilt keine Wunden“, die sich dem Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche widmet.

Ich gehe davon aus, dass es auch in dieser Region Fälle gegeben hat, auch wenn ich im Einzelnen nichts davon weiß.

Oliver Schütz, Katholischen Erwachsenenbildung Ulm

Oliver Schütz, Leiter der KEB und neben dem katholischen Studentenpfarrer Michael Zips einer der Organisatoren, sagt: „Ich gehe davon aus, dass es auch in dieser Region Fälle gegeben hat, auch wenn ich im Einzelnen nichts davon weiß.“ Als Familienvater, Katholik und Arbeitnehmer der Kirche sei er entsetzt von den Vorfällen, bekennt Schütz. „Wir wollen, dass darüber gesprochen wird“, betont er. Ein Ansatz, der in der Diözese Rottenburg-Stuttgart offenbar gut ankommt: „Wir haben viel Unterstützung bekommen“, berichtet Schütz. Das Bistum sei offener als andere mit den Vorwürfen umgegangen und versuche, Präventionsarbeit zu leisten. Doch den Ulmer Organisatoren geht es nicht darum, Kirche oder Diözese positiv darzustellen. Die Veranstaltungsreihe sei der „Versuch von unten“, die schlimmen Geschehnisse zu beleuchten.

Auf Fegerts Vortrag folgen drei weitere Veranstaltungen. Am Dienstag, 26. März, geht es um die Fragen, wie die katholische Kirche auf Missbrauchsfälle reagiert, wie ernst sie es mit der Aufarbeitung meint und was strukturell und spirituell zu tun ist. Informationen und Impulse geben Monika Stolz, frühere baden-württembergische Sozialministerin und Vorsitzende der Kommission sexueller Missbrauch der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Daniel Deckers, Theologe und Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Clemens Stroppel, Domdekan und Generalvikar der Diözese Rottenburg-Stuttgart und Diözesanrichter Norbert Reuhs (St. Michael zu den Wengen, 19 Uhr).

Missbrauch verhindern

Am Donnerstag, 11. April, moderiert KEB-Leiter Schütz ein Podiumsgespräch zum Thema „Wie lässt sich sexueller Missbrauch verhindern?“ Es diskutieren Sabine Hesse, Leiterin der Stabsstelle Prävention, Kinder- und Jugendschutz der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Bettina Müller, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Deutschen Kinderschutzbunds Ulm/Neu-Ulm, Friederike Alle, Fachkoordinatorin Kinderschutzstelle der Stadt Ulm und Margret Feiertag-Weiler vom Stadtjugendring Ulm (Foyer der Friedrich-List-Schule, 19 Uhr).

Zum Abschluss wird am Mittwoch, 17. April, um 19 Uhr im Kino Obscura der Spielfilm „Verfehlung“ gezeigt. Am anschließenden Podiumsgespräch nehmen Regisseur Gerd Schneider, Paul Magino, Sprecher des Priesterrats der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Barbara Comes, Zweite Vorsitzende des Gesamtkirchengemeinderats Ulm sowie Pfarrer und Dekan Ulrich Kloos teil.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen