Ulmer protestieren am Hambacher Forst

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Crossmedia-Volontärin

Obwohl das Oberverwaltungsgericht Münster die Rodung im Hambacher Forst vorerst gestoppt hat, protestierten Zehntausende am Wochenende gegen den Braunkohle-Tagebau. Mit dabei: ein Bus der BUND Regionalverbände Donau-Iller und Ostwürttemberg.

Ein Meer aus bunten Flaggen erstreckt sich am Samstag am Hambacher Forst. Zehntausende Menschen versammeln sich vor einer Bühne. Auf ihren Bannern steht: „Kein Baum ist egal“, „Klima retten“ oder „Stop Kohle“. Manche haben sich grün angemalt und Blätter in die Haare gesteckt. Die Stimmung ist friedlich und entspannt.

Jürgen Nase trägt ebenfalls so ein Schild. Mit seiner Frau Chiara Bianchi-Nase ist er mit dem Bus aus Ulm angereist. Rund 480 Kilometer liegen zwischen der Donaustadt und dem nur noch 200 Hektar großen Wald in Nordrhein-Westfalen. Acht Stunden hin und 6,5 Stunden wieder zurück: Mit Jürgen Nase nehmen noch 71 andere Demonstranten aus der Region die lange Fahrt im Bus auf sich. Ab 5 Uhr morgens steigen sie in Aalen, Heidenheim, Oberkochen und Ulm ein. Nach Stau, einmaligem Verfahren und einer guten Stunde Fußwegs bleiben den Insassen des Busses noch genau 90 Minuten zum Protest.

Trotzdem lohnt sich der Tag für Jürgen Nase und seine Frau: „Man merkt hier, dass man nicht alleine mit seiner Meinung ist“, sagt er. Braunkohle-Tagebau sei kein regionales Thema. Deswegen ist er hier.

Forst wird zum Symbolbild für Klimaschutz

Es sind nicht mehr nur Naturschutzverbände und Aktivisten in Baumhäusern, die den Hambacher Forst beschützen wollen. Der Wald zwischen Köln und Aachen ist für viele zu einem Symbolbild für Klimaschutz geworden.

Leute wie Jürgen Nase halten dem Energiekonzern RWE jetzt ihre Schilder entgegen. Er ist Lichttechniker, hat vier Töchter und lebt in Ulm. Ihm ist seine Umwelt wichtig. Er achtet auf seinen ökologischen Fußabdruck. Vor acht Jahren hat er auf das Dach seines Hauses eine Solaranlage gebaut. Das neue Auto hat einen Hybridantrieb. Er versucht, ökologisches Denken in seinen Alltag zu bringen. Eigentlich selbstverständlich, findet er. Niemand könne sagen, er sei vom Klimawandel nicht betroffen: „Ich kann mir nicht erklären, wie jemand behaupten kann, das gehe ihn nichts an“.

Umweltschützer aus Ulm waren am Samstag bei der Demonstration am Hambacher Forst dabei.
Umweltschützer aus Ulm waren am Samstag bei der Demonstration am Hambacher Forst dabei. (Foto: Franziska Telser)

Trotzdem sei er kein klassischer Umweltaktivist: „Ich bin nicht oft auf solchen Veranstaltungen“. Von den Geschehnissen im Hambacher Forst hat er durch die Medien erfahren. Jetzt möchte er sich solidarisch mit den Baumhausbewohnern zeigen.

Seit der Räumung der Baumhäuser hat sich der Protest gesteigert. Demonstranten kommen zum Hambacher Forst aus allen Ecken Deutschlands. Kilometerweit reiht sich ein Bus an den anderen. Einer davon ist der aus Ulm.

Mit so einem Andrang haben auch die BUND Regionalverbände Donau-Iller und Ost-Württemberg nicht gerechnet. „Selbst am Freitag haben noch Leute angerufen, die mitfahren wollten“, sagt Daniela Fischer vom BUND Donau-Iller. Am Anfang hätten die Verbände darum gebangt, einen Bus mit 40 Sitzplätzen füllen zu können. Letztlich hat dann nicht mal mehr ein Bus mit 80 Sitzplätzen für alle Anfragen gereicht. Zwei Mitfahrer standen am Morgen sogar auf „gut Glück“ am Bahnhof. Sie durften mit, da zwei Leute abgesprungen waren.

Demo stand auf der Kippe

Und das obwohl die Demonstration vorerst auf der Kippe stand. Am Freitag hatte die Polizei in Aachen wegen Sicherheitsbedenken ein Demonstrationsverbot erlassen. Das Verwaltungsgericht Aachen hob das Verbot jedoch wieder auf.

Laut Fischer sitzt im Bus eine „fantastische Mischung an Leuten“. Vor allem freut sie sich darüber, dass so viele junge Demonstranten mitfahren.

Einer von ihnen ist der 18-jährige Levin Kupfer. Auf der Rückfahrt im Bus spielt er mit seiner Schwester „Stadt-Land-Fluss“ und bereitet eine Präsentation für die Schule vor. Für ihn steht der Hambacher Forst symbolisch für den Braunkohleausstieg. Ursprünglich war er kein Klimaaktivist.

Aber die Vorgehensweise der Regierung gegen die Baumhausbewohner im Wald habe ihn betroffen gemacht. Eigentlich wollte er mitfahren, weil er dachte, dass RWE jetzt mit der Rodung des Waldes beginnt. „Nachdem Gerichtsurteil hatte ich einen positiven Grund hier mitzufahren“, sagt er.

Naturschützer wollen das Thema weiter verfolgen

Für den BUND sind die große Demonstration und das Gerichtsurteil aber nur ein Etappenziel im Kampf gegen die Braunkohle. „Es ist eine Verschnaufpause und ein großer Erfolg“, sagt Fischer. Man dürfe sich jetzt aber keinen Sand in die Augen streuen lassen. „Wir müssen dran bleiben“, sagt sie.

Kurz nach Mitternacht kommt der Bus wieder am Ulmer Bahnhof an. Insgesamt 19 Stunden war er mitsamt den Demonstranten heute unterwegs.

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