Ulmer Ingenieure schützen Hubschrauber vor Raketen

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Geschäftsführer Martin Kugelmann (links) und Ansgar Kalthentaler, Leiter „Operations“, mit den Produkten der Ulmer Firma Sphere
Geschäftsführer Martin Kugelmann (links) und Ansgar Kalthentaler, Leiter „Operations“, mit den Produkten der Ulmer Firma Sphere (Foto: nuz)

Masar-i Scharif vor zwei Jahren. Nach der Übergabe des Feldlagers in Kundus sind deutsche Soldaten im Norden Afghanistans nur noch im Camp Marmal stationiert. Mit dem Hubschrauber des Typs NH 90 werden Verletzte in Sicherheit gebracht. Das bedeutet Landungen auf dem Gefechtsfeld, auf unbekanntem Terrain, vielleicht unter dem Beschuss von Aufständischen. Das beruhigende für die Piloten: Der Zehn-Tonnen-Hightech-Helikopter ist mit einer Selbstschutzanlage ausgestattet, die bei einem Angriff automatisch „Täuschkörper“ ausstößt, die Raketen ablenken. Dafür, dass diese Anlage im Ernstfall auch funktioniert, ist Ulmer Ingenieurkunst verantwortlich.

25 Menschen arbeiten in der Ulmer Weststadt für die Firma Spherea, die im Juli vergangenen Jahres gegründet wurde. Ulm ist einer von vier Standorten des Weltmarktführers für automatische Testgeräte für die zivile Luftfahrt und der europäischen Nummer eins für militärische Testgeräte. Jüngst machte sich die CDU-Bundestagsabgeordnete Ronja Schmitt ein Bild des Unternehmens, das aus der Firma Airbus hervorgegangen ist. Und dazu gehörte der Eindruck, dass der Verkauf einer Sparte eines Großunternehmens durchaus zu einer Erfolgsgeschichte werden kann.

Martin Kugelmann, der Spherea-Geschäftsführer beschreibt die Abspaltung von Airbus als vorteilhaft für die einstige Testprogramm-Sparte. Genauso wie derzeit die Radar-Experten von Airbus mit Sitz in Ulm wurde einst die Abteilung „Test & Services“ nicht mehr dem Kerngeschäft zugerechnet. Was folgte, war der Verkauf im vergangenen Jahr, der jedoch für die Radar-Sparte noch aussteht.

„Wir haben jetzt Freiheiten. Wir können uns bewegen“, sagt Kugelmann. Dazu gehört auch, dass das Unternehmen nun mit Boeing den größten Airbus-Konkurrenten als Kunden für Testprogramme an Land ziehen konnte. In Sachen Testgeräte für die zivilie Luftfahrt stieg Spherea zur weltweiten Nummer eins auf. Jeder, der in ein Airbus A320 steigt, kann sich sicher sein, dass die Testsysteme von Spherea stammen.

Zehn Millionen Euro setzt der Ulmer Spherea-Standort mit seinen 25 Mitarbeitern im Jahr um, insgesamt sind es 100 Millionen Euro bei 500 Mitarbeitern. Mittelfristig strebt Kugelmann (auch durch Zukäufe) eine Verdopplung des Umsatzes an, das sei eine „gesunde Größe“. Einer der limitierenden Faktoren sei ein eklatanter Mangel an Ingenieuren. Mehrere offene Stellen könnten mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt werden.

Empfindlicher als Hundenasen

Große Hoffnungen ruhen auch auf einer Neuentwicklung aus Ulmer Spherea-Laboren: Ein neu entwickeltes Gerät sei mit Sensoren ausgestattet, die zehn mal empfindlicher als Hundenasen seien. Vielfältige Anwendungen sind vorstellbar: Etwa als Sprengstoff-Detektor oder in Reinraum-Fabriken, um bestimmte Stoffe von der Produktion fernzuhalten. „Der Prototyp funktioniert“, sagt Kugelmann.

Für ihn ist klar: „Wir müssen uns verändern.“ Denn in der Luftfahrt sei eine lange Episode der Neuentwicklungen vorerst vorbei, nun geht es für Firmen wie Airbus und Boeing darum, zu produzieren. Noch mache Sphera 80 Prozent des Umsatzes mit Kunden aus der Luftfahrt und Rüstungsindustrie. Erklärtes Ziel ist es nun andere Geschäftsfelder auszubauen: Dazu gehören etwa Testsysteme für Hochgeschwindigkeitszüge. ,

Gegründet wurde das Unternehmen Spherea im Juli 2014. Es ging aus der Airbus „Test & Services“ Abteilung hervor. Airbus hält noch fast 34 Prozent der Anteile. Größter Anteilseigner ist ACE Management. Geschäftsfelder sind die Entwicklung, Fertigung und Wartung von kritischen elektronischen Systemen. So werden Testgeräte für die zivile Luftfahrt sowie für Kampfhubschrauber und Jets entwickelt.

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