Tausende feiern Ulms steinernes Erbe

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Eine archäologische Führung gab es mit Aline Kottmann.
Eine archäologische Führung gab es mit Aline Kottmann. (Foto: Andreas Brücken)
Marcus Golling

Im alten „Pflugmerzler“ ist das mit dem Dunkel der Geschichte durchaus wörtlich zu verstehen. Unten im Gastraum, wo bis vor rund zwei Jahren noch Steaks serviert wurden, leuchtet keine Lampe mehr, da wirkt das viele alte Holz noch ein bisschen dunkler. Denn der „Pflugmerzler“ hat an diesem Tag nicht als Lokal geöffnet, sondern als Schaubaustelle. Hier bestaunen zahlreiche Besucher, wie ein Denkmal wieder erwacht – wobei es noch ein weiter Weg ist für die beiden neuen Eigentümer Hubert Denz und Marieluise Rieck, die die historische Substanz erhalten wollen. „Ich mag alte Gebäude, weil sie Charme haben“, sagt Denz. Derzeit wird der Bau erst noch erforscht und vermessen, mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die dieses Jahr Ulm und seine steinernen Schätze ins Rampenlicht rückt: mit der bundesweiten Eröffnung des Tags des offenen Denkmals.

Die Veranstaltung hatte schon am Samstag mit einer vom Landesamt für Denkmalpflege organisierten Nacht des offenen Denkmals begonnen, bei der es Führungen durch historische Gebäude gab. Etwa durch das einst einsturzgefährdete Gebäude in der Schelergasse 4. Das in den vergangenen drei Jahren aufwendig und mit manchen zutage kommenden Überraschungen sanierte Fachwerkhaus aus dem Jahr 1610 war deshalb so instabil, weil es auf staufischen Kellerfundamenten steht, deren Maße kleiner sind als das Fachwerkhaus selbst. Weitere Attraktionen der Nacht waren ein Konzert der Jazzrock-Gruppe Kraan auf der Wilhelmsburg und eine Neuauflage der audiovisuellen Performance „Resonanzen“ im Münster. Viele hundert Nachtschwärmer waren an diesem Abend trotz der kühlen Temperaturen unterwegs. Die Organisatoren vom Landesdenkmalamt zeigten sich zufrieden.

Bei der offiziellen Eröffnungsfeier am Sonntag, kurzfristig vom kalten Münsterplatz ins warme Stadthaus verlegt, schlägt dann die Stunde der großen Worte. Oberbürgermeister Gunter Czisch erinnert mit Bezug auf das Veranstaltungsmotto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“ an die Auseinandersetzung um den Bau des Stadthauses. Inzwischen sei es in Ulm „eine Selbstverständlichkeit, moderne Architektur und historische Bauwerke zusammen zu sehen“. Staatssekretärin Katrin Schütz aus dem baden-württembergischen Wirtschaftsministerium sieht in diesem Nebeneinander ein Zeichen für die Weltoffenheit Ulms. Professor Jörg Haspel, Vorsitzender des Stiftungsrats der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, lobt Richard Meiers (seit 2018 ebenfalls denkmalgeschütztes) Stadthaus als ein „Wahrzeichen der Ulmer Baukultur“, nennt aber auch das HfG-Gebäude am Kuhberg und die Neu-Ulmer Stadtpfarrkirche St. Johann Baptist als Beispiele für bauliche Umbrüche an der Donau. „Es hätte in Deutschland kaum einen geeigneteren Austragungsort geben können“, so Haspel.

Während die einen reden, fliegen draußen auf dem Münsterplatz schon die Späne, im ganz wörtlichen Sinne, denn auf dem „Markt der Möglichkeiten“ präsentieren unter anderem Zimmermänner, wie man einen Holzbalken vor der Erfidung von Elektrowerkzeugen bearbeitet hat: mit scharfen Klingen, Geschick und Muskelkraft. Eher Feinarbeit ist am Stand der Jugendbauhütten gefragt, wo Kinder mit Glasfarben Wasserspeier vom Münster nachmalen dürfen: Elefant, Löwe, sogar ein Drache. Die Jugendbauhütten gibt es seit 1999, sie sollen jungen Menschen für die Denkmalpflege und die damit verbundenen Berufe begeistern, seit diesem Jahr gibt es auch einen Standort in Esslingen; etwa 300 jungen Menschen machen jedes Jahr ein Freiwillige Soziales Jahr (FSJ).

So wie Karlotta Lämmel, die mit nach Ulm gekommen ist, um für das Programm zu werben. Sie sammelte bei der Landesarchäologie im westfälischen Münster Erfahrungen, sie durfte dokumentieren, fotografieren, sogar mitgraben. „Man steht nicht wie bei vielen Praktika nur rum, man wird direkt reingeworfen“, berichtet sie. Die 20-Jährige will jetzt Archäologie studieren.

Vorher will sie aber noch ein bisschen Werbung machen für den Denkmalschutz, deswegen gehört sie zum jungen Team, das eine „Speedführung“ für Jugendliche anbietet, und immerhin ein halbes Dutzend nimmt gerne das Angebot an, im Sauseschritt durch den Denkmaltag zu eilen: zuerst zur Münsterbauhütte, dann in den Kohlgasse, zuletzt in den „Pflugmerzler“. Dort erklärt Bauhistoriker Christoph Kleiber, wie das Gebäude derzeit vermessen und begutachtet wird, spricht von geschmiedeten Nägeln, Putzmatten aus Schilf und Blattsassen im Gebälk. Und außer den Teenies hören ihm noch etliche andere Denkmal-Flaneure interessiert zu.

Es ist an diesem Tag des offenen Denkmals an den meisten Stationen mindestens in etwa viel los wie in den Vorjahren, was angesichts der Tatsache, dass es zehnmal so viel Programm gibt, dafür spricht, dass Tausende durch Ulm strömen, von Denkmal zu Denkmal. Manche Angebote werden förmlich gestürmt, so wie die archäologische Führung durchs Fischerviertel, der am Vormittag rund 200 Interessierte folgen. Auf den Schaubaustellen, wo es nach altem Holz und frischer Farbe riecht, geht es eng zu.

Das offizielle Programm vor dem Stadthaus hingegen geht am Nachmittag im Nieselwetter ein wenig unter. Deswegen sind nur wenige Zuschauer dabei, als der Verein „Pro Ulma“ den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis „Für deine Stadt – Denkmalschutz leben“ überreicht bekommt.

Die Stiftung Denkmalschutz zeigt sich am Ende des Tages zufrieden mit der Resonanz, sowohl bei der Eröffnungsfeier in Ulm als auch bundesweit.

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