Studenten und Professoren schimpfen in Ulm auf die Landesregierung: „erweiterter Suizid aus Habgier“

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 Der Trauerzug auf dem Weg ins Fischerviertel.
Der Trauerzug auf dem Weg ins Fischerviertel. (Foto: Zwiebler)
Sebastian Mayr

Jeder Bus und jede Straßenbahn spuckt einen weiteren Schwall junger Leute aus. Am Ende sind es nach Schätzungen von Polizei und Veranstaltern zwischen 1200 und 1500 Frauen und Männer, die am Mittwochvormittag vom Theater Ulm durch die Fußgängerzone zum Rathaus am Marktplatz ziehen – als lauter und bunter Trauerzug. Vorneweg schreiten Michael Weber und Volker Reuter, die Präsidenten der Uni Ulm und der Technischen Hochschule. Dahinter tragen drei Studenten und eine Studentin einen Sarg. „Wir trauern um unsere Bildung“, steht auf dem schwarzen Band am Trauerkranz.

In Stuttgart wird derzeit über die Finanzierung der Universitäten und Hochschulen in Baden-Württemberg verhandelt. Doch das Geld, das die Landesregierung in Zukunft zusätzlich bereitstellen will, reicht aus Sicht von Professoren und Studenten hinten und vorne nicht aus.

Die Ziele und Maßnahmen unseres Leitbilds sind gefährdet.

Ulms Uni-Präsident Professor Michael Weber

Kaufkraftbereinigt habe sich der Landeszuschuss pro Student in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel verringert, kritisiert Ulms Uni-Präsident Professor Michael Weber. Dabei habe sich die Zahl der Studenten allein an der Ulmer Universität in dieser Zeit verdoppelt. Statt der nötigen 172 Millionen Euro zusätzlich im Jahr wolle die Regierung nun nur acht Millionen Euro extra ausgeben.

Das Ergebnis ist, dass die Hochschulen in Baden-Württemberg quasi mit dem Rücken zur Wand stehen.

Hochschul-Präsident Professor Volker Reuter

Statt der geforderten 1000 Euro mehr pro Student seien das bloß zwischen 100 und 150 Euro zusätzlich. „Die Ziele und Maßnahmen unseres Leitbilds sind gefährdet“, warnt Weber bei der Kundgebung.

Groteskes Vorgehen

Hochschul-Präsident Professor Volker Reuter wird noch deutlicher: „Das Ergebnis ist, dass die Hochschulen in Baden-Württemberg quasi mit dem Rücken zur Wand stehen.“ Die weiteren Millionen seien schlicht unabdingbar, um die Leistungsfähigkeit der Hochschulen zu erhalten.

Professor Thomas Wirth, Dekan der medizinischen Fakultät, spricht von einem groteskem Vorgehen: Einerseits würden Innovationen eingefordert, die man gerne liefern wolle. Andererseits werde dann kein Geld dafür bereitgestellt.

Stirbt die Lehre, stirbt der Patient.

Das Plakat eines Demonstranten

„Schwarze Kleidung ist erwünscht“, steht in der Einladung zur Demonstration, der sich auch Studenten der Hochschulen in Aalen und Biberach angeschlossen haben. Zwischen dem Schwarz blitzt aber viel Weiß hervor: Es sind die Kittel der Medizinstudenten, die besonders drastische Warnungen auf ihre Plakate geschrieben haben. „Stirbt die Lehre, stirbt der Patient“, steht dort beispielsweise. Und „Sparen kann tödlich sein“.

Harte Worte findet auch Rebecca Blum, die für die Studierenden spricht. „Wir trauern aus tiefstem Herzen um die Hochschulfinanzierung“, sagt sie und zählt auf, was in Gefahr gerate: Vorkurse, Tutorien, Repetitorien, Workshops, Mentor-Programme. „Liebe Landesregierung, so nicht! Nicht mit uns!“, ruft Blum und die Menge jubelt, pfeift und schreit. Bildung sei keine billige Meterware. „Gute Forschung hat ihren Preis!“

Uni-Präsident Weber schlägt mit ihr ein, umarmt sie und hält Blums Hand in die Luft wie ein Ringrichter den Arm eines siegreichen Boxers. Die Studenten skandieren Parolen: „No science, no future“ – keine Wissenschaft, keine Zukunft. Und „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bildung klaut“. Ein Spruch, der in ähnlicher Form schon häufiger auf den Straßen zu hören war: von den jungen Klima-Demonstranten von „Fridays for Future“.

„Suizid aus Habgier“

Felix Glöckler vom Promovierendenkonvent greift zu Sarkasmus: Er hält eine Grabrede auf Mutter Bildung, die keinen natürlichen Tod gestorben, sondern umgebracht worden sei: „Vater Staat war sich nie zu schade, ihr Kinder zu schenken. Aber leider nahm er es mit der Unterhaltszahlung nicht so genau“, ätzt Glöckler und prangert Arbeitsbedingungen, kümmerliche personelle Ausstattung und prekäre Beschäftigungsverhältnisse an.

Der Promovend warnt davor, dass die Landesregierung mit ihren Finanzierungsplänen nicht nur den Hochschulen schade, sondern letztlich dem Land selbst. Die Sparpläne, seien „ein erweiterter Suizid aus Habgier“.

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