Streik in der Logistikbranche

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In der Logistikbranche wurde gestreikt.
In der Logistikbranche wurde gestreikt. (Foto: bse sab)
Oliver Helmstädter

Von einer Bereicherung auf dem Rücken der Belegschaft war die Rede: Am vergangenen Dienstag rief die IG Metall Ulm die Beschäftigten bei der Seifert Logistik an den Ulmer Standorten zum Warnstreik auf. Fast alle Beschäftigten folgten nach Angaben der Gewerkschaft dem Aufruf und trafen sich zu einer Kundgebung vor dem Firmengelände.

Der Betrieb sei still gestanden. Auf Neu-Ulmer Seite scheint der Drang der Arbeitnehmer die Löhne, Gehälter, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen per Tarifvertrag zu regeln, ebenfalls alles andere als verbreitet zu sein. In einer Logistik-Region („Cluster“), die sich selbst als ein „Hidden Champion“ unter den deutschen Standorten, bezeichnet, scheint Tarifvertrag ein Fremdwort zu sein.

Hintergrund für den Warnstreik bei Seifert in Ulm ist, dass der Arbeitgeber sich weigere, über einen Tarifvertrag zu verhandeln. Christian Velsink, zuständiger Gewerkschaftssekretär rief den Warnstreikenden zu, dass es nicht akzeptabel ist, dass die Beschäftigten 500 Euro unterhalb des Tarifvertrages verdienen, bei gleichzeitiger höherer Arbeitszeit in Höhe von vier Stunden pro Woche. „Wer seinen Beschäftigten bei einer 42-Stunden-Woche gerade mal 1920 Euro bezahlt, bereichert sich auf dem Rücken seiner Beschäftigten“, so Velsink weiter. Neben Velsink sprach auch der zuständige Verdi Sekretär, Werner Borowski. Der Warnstreik sei deutliches Signal, dass die IG Metall gemeinsam mit Verdi für bessere Arbeitsbedingungen eintritt. Laut Velsink sei dies nur eine erste Aktion gewesen. Weitere Warnstreiks würden folgen, wenn die Firma Seifert sich nicht bereit erklärt, über einen Tarifvertrag zu verhandeln.

Schlecht geht es dem Logistiker mit Sitz im Donautal und 1600 Beschäftigten nicht: Für die Firma war das zurückliegende Geschäftsjahr wie berichtet das bislang erfolgreichste der Firmengeschichte. Der Umsatz stieg von zuvor 123 Millionen Euro um 18 Prozent auf 145 Millionen.

Dass hohe Gewinne auf dem Rücken der Belegschaft eingefahren werden, sei auch auf Neu-Ulmer Seite an der Tagesordnung. „Die wenigsten sind tarifgebunden“, sagt Robin Faul, bei Verdi in Augsburg für den Kreis Neu-Ulm und das Thema Logistik zuständig. Bei Honold in Neu-Ulm etwa, ist die Logistik laut Firmenwerbespruch zwar grün – aber nicht tarifgebunden. Auch einen Betriebsrat habe das Unternehmen mit 1210 Mitarbeiter europaweit. Doch immerhin „orientiere“ sich Honold am Tarif. Und auch ein weiteres Neu-Ulmer Schwergewicht sei nicht tarifgebunden: TNT. Wie Faul sagt, sei der Kontakt der Gewerkschaft zu Logistikunternehmen generell schlecht. Kaum eine Firma der Branche habe einen Betriebsrat, Versuche in der Vergangenheit eine Wahl zu unterstützen, seien oftmals von den Arbeitgebern sabotiert worden. Zudem spricht Faul wie sein Ulmer Kollege Velsink von einer oftmals willkürlichen Eingruppierung der Arbeitnehmer in Tarifgruppen. DHL etwa gliedere ganze Einheit aus, um weniger bezahlen zu müssen. Der baden-württembergisch-bayerische Grenzraum Ulm/Neu-Ulm biete den – wenigen tarifgebunden – Logistik-Arbeitgebern zusätzliche Möglichkeiten, Gehalt einzusparen, so Faul. Denn der Flächentarifvertrag in Baden-Württemberg gilt als arbeitnehmerfreundlicher als jener in Bayern.

Deswegen würden Ulmer Unternehmen ihre Mitarbeiter oftmals in Neu-Ulm melden. Faul spricht von einem schizophrenem Verhalten der Arbeitgeber. Fahrer und Lagerarbeiter würden oftmals händeringend gesucht, doch auf die Idee, über bessere Arbeitsbedingungen den Fachkräftemangel zu beheben, komme kaum jemand. Die IG Metall ist per Vereinbarung mit Verdi erst seit gut einem Jahr für das Thema zuständig. Und zwar wenn ein Logistiker seine Tätigkeit auf dem Werksgelände eines Betriebs erbringt, der in den Organisationsbereich der IG Metall fällt. „Das ist für uns ein bisschen Neuland“, sagt Günter Frey, der erste Bevollmächtigte der IG Metall Neu-Ulm/Günzburg. Noch würden Daten gesammelt.

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