Soziale Netzwerke werden bei schweren Unfällen zum Problem

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Schwere Unfälle verbreiten sich schnell über Soziale Medien. Das Kriseninterventionsteam versucht deshalb noch schneller bei den
Schwere Unfälle verbreiten sich schnell über Soziale Medien. Das Kriseninterventionsteam versucht deshalb noch schneller bei den Angehörigen zu sein, als die Nachricht auf Facebook. (Foto: DPA/Christian Pörschmann)
Stefan Kümmritz

Fast täglich erfahren Bürger aus Zeitung, Radio oder Fernsehen von schweren Verkehrsunfällen zum Teil mit Verletzten oder gar Toten – und häufig sind die Opfer noch viel zu jung zum Sterben. Zu oft findet man in den sozialen Netzwerken sogar Fotos oder Berichte von diesen Unfällen, die Beteiligte oder Gaffer geschossen haben. Unter anderem dieser Aspekt wurde gestern bei der Eröffnung der Ausstellung „Schatten – Ich wollte doch leben!“ im Neu-Ulmer Lessing-Gymnasium gegenüber 50 Elftklässlern, die schon den Führerschein haben oder ihn demnächst machen werden, heftig angeprangert.

 Bei der Verkehrsaufklärung und Ausstellungseröffnung: (von links) Schulleiter Martin Bader, Moderator Alexander Kreipl vom ADAC
Bei der Verkehrsaufklärung und Ausstellungseröffnung: (von links) Schulleiter Martin Bader, Moderator Alexander Kreipl vom ADAC Südbayern, Kriseninterventionsberaterin Monika Bühler und Polizeihauptkommissar Werner Lipp. (Foto: Stefan Kuemmritz)

In einer recht lebhaften Diskussionsrunde wurden darüber hinaus mit den Schülern Themen zu Unfallursachen auf der Straße, Verkehrssicherheit und Gefahrenmomente erörtert. Dazu zeigte der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC), der die Ausstellung auf die Beine gestellt hat, sechs Silhouetten von jungen Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben kamen. Ihre aufgeschriebenen Geschichten lösten bei den meisten Betrachtern Betroffenheit aus – und genau das wollten die Veranstalter auch bewirken. Es geht bei der bereits seit Längerem an den Schulen laufenden Aktion ums Wachrütteln – bevor es zu spät ist.

Alexander Kreipl, verkehrs- und umweltpolitischer Sprecher des ADAC Südbayern, stellte beispielhaft das Schicksal von Sissi vor. Als diese 16 Jahre alt war, war sie eines Abends mit ihrem Freund und einem Bekannten mit dem Auto zum Kino unterwegs. Der Bekannte fuhr, sie saß mit ihrem Freund auf der Rückbank. Plötzlich verlor der Bekannte, der noch wenig Fahrpraxis hatte, aber sehr schnell fuhr, die Kontrolle über sein Auto. Der Wagen prallte fast ungebremst seitlich gegen einen Baum. Sissi und ihr Freund waren nicht angeschnallt und starben noch am Unfallort.

Eine Geschichte, die keinen Seltenheitswert besitzt. Kein Wunder, dass vor allem Kreipl und der Neu-Ulmer Polizeihauptkommissar Werner Lipp neben Trunkenheit am Steuer, Raserei und Fahren ohne Gurt vor allem dem Nutzen des Handys am Steuer eine hundertprozentige Absage erteilen.

Ein paar der anwesenden Schüler haben ebenso wie Schulleiter Martin Bader oder Polizeihauptkommissar Walther Roth im Verwandten- oder Bekanntenkreis schon Fälle erlebt, in denen Menschen bei Verkehrsunfällen schwer verletzt wurden und teilweise sogar mit einer starken Behinderung weiterleben müssen. Die Schüler zeigten sich gestern in Sachen Rettungsgasse, Partystimmung im Auto, aber auch bei den Möglichkeiten zur Erhöhung der Verkehrssicherheit – ein Schüler forderte hierzu beispielsweise „mehr Blitzer!“ – sehr wissend, aufgeschlossen und verantwortungsbewusst.

Wir müssen sehen, dass wir bei den Angehörigen sind, bevor dort vom Unfall zu lesen ist. Für diese ist es ein Schockmoment und sie dürfen es keinesfalls vielleicht noch mit Fotos in Facebook oder Instagram sehen.

Monika Bühler, Kriseninterventionsberaterin 

Wie es dann in der Realität aussehen wird, bleibt abzuwarten. „Denn 65 Prozent aller Unfälle gehen auf das Konto junger Erwachsener“, erklärte Polizeihauptkommissar Lipp. Deshalb findet er auch das anfängliche begleitete Fahren sinnvoll, wobei einige Schüler anmerkten, dass dies für den Fahrer ebenso wie für den Beifahrer „sehr anstrengend“ sei und die Begleitperson auch nicht direkt in kritischen Situationen eingreifen dürfe.

Rasend schnell Berichte in Sozialen Medien

Wenn es doch knallt und jemand sein Leben lässt, kommt auch auf Monika Bühler Schweres zu. Sie ist Kriseninterventionsberaterin beim BRK Neu-Ulm. „Dann muss ich mit der Polizei mitgehen, um den nächsten Angehörigen die Todesnachricht zu überbringen“, berichtete sie. „Eigentlich fragen dann alle, wie das Auto aussehe. Also muss ich auch den Unfallort und das Auto genau inspizieren.“ Rasend schnell gebe es dann leider in den sozialen Medien Berichte und Bilder vom Unfall. Bühler betonte: „Wir müssen sehen, dass wir bei den Angehörigen sind, bevor dort vom Unfall zu lesen ist. Für diese ist es ein Schockmoment und sie dürfen es keinesfalls vielleicht noch mit Fotos in Facebook oder Instagram sehen.“

Sollte ein Schüler Opfer sein, geht es auch um die Aufarbeitung des Unglücks an der Schule. Am Lessing-Gymnasium hat dann Psychologe Patrick Scheel mit einem kleinen Team die Aufgabe, alles zu tun, damit bald wieder so etwas wie Normalität einkehrt. Noch hat es an der Schule glücklicherweise keinen Toten wegen eines Verkehrsunfalls gegeben. Aber durch die Ausstellung haben alle Schüler erfahren, wie schnell es manchmal gehen kann.

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