So steht es um das Handwerk in der Region

Lesedauer: 7 Min
 Eigentlich geht es Handwerk im Gebiet der Handwerkskammer Ulm weiterhin prächtig, doch beim Personal ist die Not groß.
Eigentlich geht es Handwerk im Gebiet der Handwerkskammer Ulm weiterhin prächtig, doch beim Personal ist die Not groß. (Foto: dpa / Oliver Berg)
Sebastian Mayr

Nur jeder fünfte Handwerksbetrieb im Gebiet der Handwerkskammer Ulm hat 2018 problemlos neue Mitarbeiter gefunden, 40 Prozent der Firmen suchten vergeblich. Diese Zahlen hat die Kammer am Freitag vorgestellt. Kämpfen müssen die meisten Unternehmen nicht um Aufträge – sondern um ihr Personal.

Der Mensch ist nicht so dumm, dass er nur dem Geld nachläuft.

Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer

„Man muss ein guter Arbeitgeber sein, um zu überleben“, sagt Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Kammer. Ein Lösungsversuch ist die Personalberatung, die die mehr als 19 000 Betriebe seit März 2018 unterstützt. Knapp 300 erreichte Unternehmen zählt Mehlich. Damit sei er „sehr, sehr zufrieden.“ Was die Beratung so wichtig macht: Zwei Drittel der Mitarbeiter verlassen die Betriebe im Lauf der Zeit. Dabei geht es Studien zufolge weniger ums Geld, sondern vor allem um fehlende Wahrnehmung, Ärger mit Vorgesetzten, die eigene Aufgabe und andere soziale Gründe. „Der Mensch ist nicht so dumm, dass er nur dem Geld nachläuft“, kommentiert Mehlich.

Kritik am System

Der Hauptgeschäftsführer spart nicht mit Kritik am System: Zwar entscheiden sich inzwischen rund 15 Prozent der Abiturienten im Kammergebiet, das fünf Landkreise zwischen Jagst und Bodensee umfasst, für eine Ausbildung im Handwerk. Doch der Trend zu den Universitäten und Hochschulen ist ungebrochen – und 35 bis 40 Prozent der jungen Männer und Frauen brechen Mehlich zufolge ihr Studium wieder ab. „Ich würde mich schämen, wenn ich solche Zahlen präsentieren müsste“, sagt er. „Aber ein staatliches System schämt sich nicht.“ Die Handwerkskammer versucht, Abbrecher zu gewinnen. „Wir wollen keinen zum Handwerker machen, der keiner ist. Aber wir sollten auch keinen zum Historiker machen, der keiner ist“, betont Mehlich.

Handwerk in der Region will Mitarbeiter finden und binden
Die Konjunktur in den Handwerksbetrieben brummt. Darauf können sich die Unternehmen aber nicht ausruhen, ergab das Jahresgespräch bei der Handwerkskammer Ulm. Ganz im Gegenteil: Insbesondere der Fachkräftemangel bringt vieles in Bewegung.

Die Handwerkskammer will nach den Gymnasiasten und den Geflüchteten (zuletzt machten sie acht Prozent der neuen Lehrlinge aus) nicht nur eine weitere neue Gruppe erschließen. Auch die Ausbildung soll besser werden. Für rund 8,5 Millionen Euro erweitert die Kammer ihre Bildungsakademie auf dem Kuhberg, wo die überbetriebliche Ausbildung sowie die Ausbildung zum Meister und zum Betriebswirt im Handwerk stattfindet.

Die Headhunter rufen in den Betrieben an, um gute Mitarbeiter abzuwerben – und zwar nicht nur leitende.

Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer

Wie stark Handwerker umworben sind, berichtet Kammer-Präsident Joachim Krimmer aus eigener Erfahrung. Er leitet ein Heizungsbau-Unternehmen in Leutkirch im Allgäu: „Die Headhunter rufen in den Betrieben an, um gute Mitarbeiter abzuwerben – und zwar nicht nur leitende. Das geht im Heizungsbau bei Kundendienst-Monteuren weiter.“ Für Krimmers Unternehmen kommt es wie bei vielen anderen nicht darauf an, möglichst viele Aufträge an Land zu ziehen – mehr als 70 Prozent der Betriebe haben eine Auslastung von mindestens 80 Prozent. Die meisten Unternehmen erwarten auch für 2019 wieder eine verbesserte Geschäftslage, auch wenn die Zahl der Aufträge nicht so deutlich steigen dürfte wie im Vorjahr. In einzelnen Gewerken erwartet die Handwerkskammer Reduzierungen, die die Branche als ganzes nicht belasten.

Vor allem Kfz-Gewerbe betroffen

Betroffen sind zur Zeit vor allem das Kfz-Gewerbe, das unter der Diesel-Krise leitet. Mehlich: „Sie kaufen einen Gebrauchtwagen für 20 000 Euro und verkaufen ihn für 13 000 Euro weiter.“ Noch größer ist der Einbruch der Konjunktur in der Gesundheitsbranche. Sie hängt von gesetzlichen Vorgaben ab – und davon, was die Krankenkassen bezahlen. „Es wird nicht nach Angebot, Nachfrage und Leistung bezahlt“, kritisiert der Hauptgeschäftsführer. Auch die Vorgaben bei Bürokratie und Dokumentation machten den Betrieben zu schaffen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen