Rettung kommt immer öfter aus der Luft

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Die Zahl der Rettungseinsätze mit Hubschraubern hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
Die Zahl der Rettungseinsätze mit Hubschraubern hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. (Foto: Peter Schellig/adac)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

„Ich muss los, wir haben einen Einsatz.“ Das Interview ist mit diesem Satz beendet, Oberfeldarzt Jochen Lührs sprintet zum Rettungshubschrauber, wenig später startet die Maschine. Vier, manchmal auch fünf Einsätze am Tag fliegt „Christoph 22“, stationiert am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus. Tendenz stark steigend. Neurologische Notfälle, zum Beispiel Schlaganfall, und Verkehrsunfälle machen rund ein Viertel der Einsätze aus. 53 Prozent der Flüge führen zu Herzinfarkt- oder Kreislauf-Patienten. Bei über 70Prozent der versorgten Patienten besteht eine akute Lebensgefahr.

„Am belastendsten sind Einsätze mit Kindern“, weiß Oberstarzt Lorenz Lampl, der das Gespräch weiterführt. Der 62-Jährige ist Leiter der Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin am Bundeswehrkrankenhaus. Seit 1981 hat er maßgeblich die Ulmer Luftrettung aufgebaut, Ende vergangenen Jahres flog er letztmalig auf „Christoph 22“.

ADAC und Bundeswehr betreiben den Stützpunkt Ulm gemeinsam. Die ADAC Luftrettung stellt dort die Maschine und den Piloten, das Bundeswehrkrankenhaus Ulm das medizinische Personal. Der Einsatzradius beträgt etwa 50 bis 75 Kilometer rund um Ulm. Am Dienstag, dem „Tag des Helfens“, wurden die Zahlen für die 55 ADAC-Hubschrauber präsentiert, insgesamt gibt es bundesweit 81 Rettungshubschrauber.

Helfer in Not

Nicht nur die Einsatzzahlen haben mit den Anfangsjahren nur noch wenig gemein: 600 oder 700 Flüge pro Jahr wurden zu Beginn der 1980er-Jahre verzeichnet, 1700 Einsätze waren es dagegen 2016. Dies ist der höchste Wert in der Geschichte des Luftrettungsstandorts Ulm und entspricht 90 Einsätzen mehr als im Jahr zuvor. Auch sehen sich die Hubschrauber-Besatzungen, früher fraglos respektiert, immer öfter Gaffern oder sogar Gewalt ausgesetzt. Lampl berichtet: „Ich habe zwei Szenen in Erinnerung, bei denen Gewalt im Spiel war.“ Ein Einsatz habe „Christoph22“ zu einem verwahrlosten Patienten geführt: „Und der Mann hetzte dann seinen Hund auf eine DRK-Retterin, die Frau wurde gebissen.“ Die Polizei musste anrücken, die Frau wurde am gleichen Tag operiert. Bei einem anderen Einsatz, als der Hubschrauber wegen eines Notfalls zu einer Flüchtlingsunterkunft in Niederstotzingen gerufen wurde, konnte die Crew nur unter Polizeischutz in das Gebäude gehen: „Die Bewohner lieferten sich eine Messerstecherei, bedrohten auch uns.“

Szenen wie aus Salzgitter in Niedersachsen, wo die freiwillige Feuerwehr in der Silvesternacht zu einem Einsatz ausrücken musste, in der Ausfahrt von einer Menschengruppe blockiert wurde und es zu einer Schlägerei kam, kennt Lampl aus dem Südwesten nicht. Gesetzliche Regelungen, wie die Innenminister sie derzeit beraten, hält er für wenig hilfreich: „Solche Situationen muss man spontan lösen.“ Die medizinischen Berufsverbände bieten mittlerweile Selbstverteidigungskurse oder Hilfen zu Deeskalation an.

Immer aggressiver treten aber Gaffer auf, die mit ihren Smartphones Unfallstellen, Verletzte und manchmal selbst Tote filmen: „Direkt mit den Leuten reden, das hilft“, rät in solchen Situationen Marc Rothenhäusler, Chefpilot auf „Christoph 22“, seiner Crew. Er macht viele Erfahrungen mit Gaffern: „,Das Kind muss das doch auch mal sehen’, lautete die Begründung eines Vaters, der seinem Sohn an der Einsatzstelle gute Sicht verschaffen wollte.“ Er spreche die Beteiligten direkt an: „Die Menschen müssen ja auch immer begreifen, dass sie sich selbst in Gefahr begeben.“

Kinder vom Einsatzort entfernen

Oberstarzt Lampl ergänzt: „Gelegentlich bitte ich vernünftig ausschauende Erwachsene, die Kinder an die Hand zu nehmen und vom Einsatzort zu entfernen: ,Schaffen’s die beiseite!’“ Maßnahmen wie in der Schweiz, wo Rettungssanitäter Gaffer einen Platzverweis erteilen dürfen, seien in Deutschland nicht angebracht, vor allem weil Ärzte, Piloten und Sanitäter den Patienten versorgen müssten „und keine Zeit für polizeiliche Aufgaben haben.“

Am Dienstag, dem vom ADAC ausgerufenen „Tag des Helfens“, geht es den Rettern neben den Forderungen an Passanten und Autofahrer, an Unfallstellen mehr Vernunft walten und das Smartphone in der Tasche zu lassen, auch um den Dank an viele unbekannte Helfer. Pilot Rothenbüchel: „Oft müssen wir aus Platzgründen außerhalb der Ortschaften landen, müssten dann zum Einsatzort laufen. Aber wir fragen dann zufällig vorbeikommende Autofahrer, ob sie uns mitnehmen.“ Nie habe sich ein Autofahrer verweigert, den Notarzt und einen Rettungsassistenten zu transportieren: „Die werfen dann den Kindersitz in den Kofferraum und freuen sich, dass sie helfen können: Dafür vielen Dank!“ Auch sei der Einsatz vieler qualifizierter Ersthelfer, sogenannter „First Responder“, im ländlichen Raum vorbildlich: „Bis der Notarzt beim Patienten eintrifft oder wir einfliegen, sind diese ausgebildeten Helfer schnell vor Ort und leisten in den ersten Minuten Entscheidendes.“

Wenn heute bundesweit die ADAC-Lebensretter tagsüber im Durchschnitt etwa alle fünf Minuten zu einem Einsatz abheben, dann ist gerade in ländlichen Regionen wie der Schwäbischen Alb der Rettungshubschrauber oftmals der schnellste und einzige Weg, den Notarzt zeitgerecht zum Patienten zu bringen und schonend in eine geeignete Klinik zu transportieren.

Die Zahl der versorgten Patienten stieg 2016 bundesweit leicht auf 48567 (plus 306). Davon mussten rund 13000 mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik gebracht werden. „Diese Zahl verdeutlicht, wie wichtig die Luftrettung im modernen Rettungswesen geworden ist“, betont am Helfen-Tag Thomas Kassner, Vorstand Technik und Umwelt beim ADAC Württemberg.

Weniger Unfalltote

Für Oberstarzt Lampl schreibt die Luftrettung eine Erfolgsgeschichte: „Denn seit 1970 ist die Zahl der Unfalltoten stetig gefallen, damals gab es 21332 Tote in der Bundesrepublik und der DDR. Nicht zuletzt dank immer besserer Sicherheitssysteme und sehr viel besserer Rettungssysteme wie dem Hubschrauber sind es heute noch 3800 Tote.“

Es gebe aber mehr Schwerverletzte: „Früher wären diese Patienten gestorben, heute überleben sie.“ Zudem nehme die Spezialisierung der Krankenhäuser zu. Sämtliche Schlaganfall-Patienten etwa würden gleich in die Schlaganfall-Spezialeinheit, die Stroke Unit, der RKU (Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm) gebracht. Lampl: „Früher kamen diese Patienten beispielsweise ins heute nicht mehr existierende Kreiskrankenhaus Laichingen, heute kommen sie direkt in ein Krankenhaus, in dem sie optimal versorgt werden.“

In Zukunft dürfte sich das Einsatzbild für die „Christoph 22“-Crew deutlich verändern: „Immer mehr Menschen werden immer älter und gleichzeitig immer aktiver“, stellt Lampl fest, „wir müssen damit rechnen, dass wir also 75-Jährige, die beim Sport verunglücken, öfter versorgen müssen.“

Bei den Rettungsflügen werde der erst im September 2015 in Dienst gestellte „Christoph 65“ am Standort Dinkelsbühl (Bayern) die Ulmer Mannschaft unterstützen: Dieser leistete in seinem zweiten Jahr bereits 1684 Einsätze.

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