Respekt vor dem Underdog

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Ulms Kapitän Per Günther wird wohl fehlen.
Ulms Kapitän Per Günther wird wohl fehlen. (Foto: Archiv: Horst Hörger)
Gideon Ötinger

Wer ein Freund besonderer taktischer Kniffe im Basketball ist, dem war der 15. Oktober vergangenen Jahres eine Lehrstunde. Ratiopharm Ulm spielte gegen BG Göttingen, als sich Trainer Thorsten Leibenath zu einem Schritt entschloss, den man nicht allzu häufig sieht. Er wechselte Spieler aus. Nicht einen, nicht zwei, sondern gleich alle fünf – nach nicht mal drei Minuten Spielzeit. Ulm lag 4:11 zurück und Leibenath wollte ein Zeichen setzen. Das funktionierte wunderbar, Ulm gewann letztlich verdient und deutlich mit 89:65. Es war der erste Saisonsieg der Donaustädter in der aktuellen Saison der Bundesliga (BBL) und ein Ende der Abwärtsspirale, in der sich Ratiopharm Ulm schon früh in der Saison befunden hatte.

Am Samstag trifft Ulm nun wieder auf Göttingen (18 Uhr), dieses Mal auswärts. Doch während die Ausgangssituation der beiden Teams vor dem Hinspiel ausgeglichen gewesen war – beide hatten mit 0:8 Punkten auf Platz 15 und 16 gestanden – sieht es jetzt anders aus. Die Ulmer haben sich in der oberen Tabellenhälfte eingenistet und stehen auf dem Play-Off-Platz acht, die Göttinger haben die unteren Regionen nicht verlassen können. Im Gegenteil, sie haben sich dort festgesetzt. Acht Niederlagen in Folge hagelte es zuletzt für das Team von Trainer Johan Roijakkers. Thorsten Leibenath will sich von dieser Serie aber nicht blenden lassen. „An einem guten Tag sind sie sehr konkurrenzfähig.“

Wie konkurrenzfähig, das mussten die Bayreuther am Sonntag feststellen. Die momentan Viertplatzierten konnten zwar gegen Göttingen gewinnen, allerdings nur knapp mit 86:83. Diese Leistung imponiert Thorsten Leibenath. Göttingen gehört, was die Finanzstärke angeht, nicht zu den schillerndsten Teams der BBL. Trotzdem schaffen sie es, sich achtbar zu verkaufen. „Es ist beeindruckend, mit welchen bescheidenen Mitteln sie guten Basketball spielen“, sagt Leibenath. Mit dem Ex-Ulmer Brion Rush haben sie einen sehr gefährlichen Angreifer in ihren Reihen und mit Michael Stockton den zweitbesten Vorlagengeber der BBL.

Eine ihrer Stärken sind die Offensivrebounds. Im Hinspiel holten die „Veilchen“ gleich 19 Stück. Im Rückspiel könnte ähnlich werden, denn Leibenath hat ein Problem: „Auf den großen Positionen sind wir personell gebeutelt.“ Luke Harangody fehlt verletzt und Jerrelle Benimon wird nach Stand von Donnerstag wohl auch nicht spielen können. Er war vergangene Woche im Training umgeknickt und fehlte schon im Heimspiel gegen Göttingen. Tim Ohlbrecht und Luka Babic sind nach ihren Verletzungspausen ebenfalls noch nicht ganz auf der Höhe ihrer Leistungen. Zudem wird wohl auch Kapitän Per Günther nicht auflaufen können. Er ließ sich gegen Jena wegen Schmerzen im Oberschenkel auswechseln.

Den Ulmern kommt allerdings zugute, dass Ryan Thompson derzeit einen starken Lauf hat. Gegen Jena war er mit 24 Punkten der Topscorer, außerdem erhöhte er seinen Punkteschnitt in den vergangenen fünf Spielen enorm. 18,4 Punkte erzielt er zur Zeit, sein Schnitt in der kompletten Saison liegt nur bei 11,6. Leibenath begründet das mit Startschwierigkeiten des US-Amerikaners. „Er hat eine Zeit lang gebraucht, bis er sich an das Team und unsere Spielweise gewöhnt hat. Den Balanceakt zwischen selbstlosem und punkteorientiertem Spiel löst Ryan aber mittlerweile herausragend.“ Außerdem präsentiert sich Ismet Akpinar in starker Form. Auf Per Günthers Position ist er eine echte Alternative.

Leibenath hofft, dass sowohl Benimon als auch Günther am übernächsten Wochenende im Pokal-Top-Four in der Ratiopharm-Arena wieder spielen können. In den Köpfen des Teams ist das Halbfinale gegen Bayern München jedenfalls schon angekommen, verrät er. „Es wird nicht reichen, wenn wir uns erst am Donnerstag mit München befassen.“ Am Mittwoch davor müssen die Ulmer noch zuhause gegen Frankfurt ran. Viel Zeit zur Vorbereitung bleibt da nicht.

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