Rätselraten um das Skelett aus dem Silo

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In diesem Kalk-Silo (links) ist am Donnerstag bei Abrissarbeiten ein menschliches Skelett gefunden worden.
In diesem Kalk-Silo (links) ist am Donnerstag bei Abrissarbeiten ein menschliches Skelett gefunden worden. (Foto: Kroha)
Digital-Redakteur Alb-Donau-Kreis/Ulm

Der Morgen nach dem grausamen Fund. Dagistan Calhan und sein Freund schützen sich im Schatten eines Baumes vor der Sonne zwischen Ditib-Moschee und dem Lonseer Bauhof. Sie stehen nur wenige Meter von dem Silo entfernt, in dem ein Baggerfahrer am Donnerstag bei Abrissarbeiten menschliche Knochen und Kleidung entdeckt hatte. Es ist Gesprächsthema Nummer eins in der Alb-Gemeinde.

Keine Absperrbänder der Polizei, nur Bauzäune riegeln das Gelände ab. Immer wieder spazieren Frauen an der ehemaligen Steinbrechanlage vorbei, manchmal mit Hund, manchmal ohne. „Hier ist das also passiert“, sagt eine von ihnen: „Endlich wieder was los in Lonsee.“

Grausiger Fund: Bauarbeiter finden Leichenteile
Es klingt wie aus dem Drehbuch eines Krimis, wie der knifflige Fall eines Fernseh-Kommissars – aber es ist Wirklichkeit: Bei den Abbrucharbeiten eines ehemaligen Steinbruch-Silos in Lonsee im Alb-Donau-Kreis wurde eine Leiche gefunden, genauer gesagt menschliche Knochen, aber auch Kleiderreste. Die Polizei hat die schwierigen Ermittlungen aufgenommen, denn der oder die Tote lag wohl schon Jahrzehnte in dem Gelände.

Das ist der Grund: Ein Baggerfahrer ist am Donnerstagmorgen um kurz vor 10 Uhr gerade dabei, das baufällige Kalk-Silo mit seiner Schaufel abzureißen. Plötzlich ragen ein Knochen und ein Stiefel heraus. Sofort alarmiert er die Polizei. Die Abbrucharbeiten werden eingestellt. Der bereits abgetragene und abtransportierte Bauschutt ist schon auf dem Weg zum Recyclinghof nach Illerkirchberg. Der Laster wird gestoppt, dessen Material genauso wie das Gestein rund um das eingerissene Silo werden intensiv von Kriminaltechnikern in ihren weißen Anzügen durchsucht.

Inzwischen liege der Gerichtsmedizin in Ulm ein fast vollständiges menschliches Skelett vor, erklärt Stefan Adamski von der Ulmer Staatsanwaltschaft. Mehr sei bislang aber noch nicht bekannt. Eine am Freitag gestartete Obduktion soll dem Skelett – so gut es geht – ein Gesicht geben: „Der erste und wichtigste Schritt ist jetzt, die Identität zu klären. Dann ergibt sich alles Weitere.“ Im Optimalfall auch, wie und wann die Person zu Tode kam. Bislang beschränkt sich die Polizei auf die Angabe: „schon länger tot“. Wie lange das alles aber dauern wird, ist unklar.

War es ein Unfall? Oder Mord?

Doch nicht nur die Ermittler, vor allem auch die Menschen in Lonsee wollen wissen, was sich in dem seit 1967 stillgelegtem Silo zugetragen hat. War es ein Unfall? Mord? Selbstmord? Jemand aus Lonsee?

Bürgermeister Jochen Ogger geht derzeit nicht davon aus, dass es sich bei dem Skelett um jemanden aus der Gemeinde handelt. Das hätte damals schnell die Runde gemacht, meint er. Am Steinbruch hätten hingegen viele Saisonarbeiter aus Südtirol und Italien gewerkelt. Und es deute derzeit vieles darauf hin, dass die Person noch vor dem Ende des Steinbruchbetriebs dort – wie auch immer – hineingefallen ist, so Ogger: „Aber das ist jetzt natürlich schwierig, da irgendwelche Informationen zu bekommen.“ Im Amtsblatt werde jedoch extra nochmal einen Aufruf geben, sich bei der Polizei zu melden, sagt er.

Genau auf jegliche sachdienliche Hinweise hofft jetzt die Polizei. Alle Vermisstenfälle aus dem Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Ulm und der Kollegen aus Bayerisch-Schwaben seien laut Polizeisprecher Wolfgang Jürgens bereits überprüft worden. „Es gibt niemand, der passen würde“, sagt er. Und die Überprüfung der Vermisstenfälle anderer Polizeipräsidien oder sogar aus dem Ausland bräuchten Zeit, so Jürgens. Eine Sonderkommission wurde bislang noch nicht gegründet.

Indes erinnern sich die Menschen in Lonsee an vergangene Zeiten: „Mein inzwischen schon verstorbener Vater, der auch auf dem Steinbruch gearbeitet hat, hat schon mal von einem Gastarbeiter erzählt, der verschwunden sein soll“, meint Dagistan Calhan. Aber auch der 54-Jährige weiß: Jetzt werden viele Geschichten herausgekramt, viel gesprochen und weitererzählt. „Kurios“, so Calhan, sei der Fall aber auf jeden Fall.

Dennoch geht das Leben in der Gemeinde weiter, wenngleich auf der Baustelle am Freitag noch Stillstand herrschte. Der Bagger wurde seither nicht mehr bewegt. Die Ziegelsteine liegen zerstreut um das Silo herum, bedeckt vom Kalkpulver, in dem die Ermittler nach Knochen suchten. Bereits am Donnerstagnachmittag wurde die Baustelle jedoch von der Polizei wieder freigegeben. Am Montag soll laut Bürgermeister Ogger der Abriss auf der ehemaligen Steinbrechanlage fortgesetzt werden.

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