Nussknacker ohne Biss

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Bunte Kostüme, feiner Tanz – doch leider nur Musik aus der Konserve. Das Bolschoi Staatsballett Belarus präsentierte im Congress
Bunte Kostüme, feiner Tanz – doch leider nur Musik aus der Konserve. Das Bolschoi Staatsballett Belarus präsentierte im Congresszentrum Ulm den „Nussknacker“. (Foto: Veronika Lintner)
Veronika Lintner

Was rief einst Opa Hoppenstedt, der tolldreiste Greis aus Loriots Figurenkabinett? „Früher war mehr Lametta!“ Aber nein. Zu diesem Schluss kann man einfach nicht kommen, beim Anblick dieses Bühnenbilds: Ein mächtiger Christbaum türmt sich in der Ecke auf, am Rand der Bühne im Ulmer Congress-Centrum. Von buschigen Ästen baumelt schwerer, goldener Behang – als lägen die Weihnachtsfeiertage nicht schon hinter uns. Und, zauberhaft, blitzt da etwa der Weihnachtsstern auf? Nein. Eine Discokugel. Sie befunkelt den Saal und den weiten Vorhang, der als Kulisse für das musikalische Märchen dient, das nun beginnt. Von dieser bunten Leinwand grinst er schon, der Nussknacker, mit einem stattlichen, bedrohlichen Gebiss. Deutlich harmloser wirkt dagegen der kleine Spielzeugknacker, den bald darauf die Primaballerina in Händen hält. Mit diesem Nussknacker wagt sie einen Tanz.

Pjotr Iljitsch Tschaikowskis Ballett „Der Nussknacker“ erzählt eine Liebesgeschichte zwischen einem Mädchen und einem Nüsseknackgerät, das durch ihre Zuneigung zum Leben erwacht und zum Prinz wird. So zaubert das Ballett „Der Nussknacker“ auf Bühnen weltweit eine weihnachtliche Traumwelt. Und dieses Kunststück glückte zumindest streckenweise auch dem „Bolschoi Staatsballett Belarus“ bei seinem Auftritt in Ulm. Das Publikum erlebt einen Nussknacker mit feinem Tanz, dafür aber wenig Biss und erwartbarer Ästhetik. Ein etwas dröger Zauber lag über diesem Abend. Vielleicht war der schlichte Saal schuld daran, der für zauberhafte Stimmungslagen nun wirklich nicht geschaffen scheint. Und es lag sicherlich daran, dass die Musik vom Band kam.

Die Ballettruppe aus Weißrussland verdient sich ihr Brot mit Tourneen quer durch Europa, mit „Schwanensee“ und „Dornröschen“ und eben dem allseits geliebten Nussknacker. Sie spielen auf großen wie auf kleinen Bühnen, in opulenten Theatern und mittelgroßen Stadthallen. Vor voll belegten Reihen tanzten sie nun im Congress-Centrum – schließlich ist es Tradition in Ulm, dass die Tänzer aus Minsk hier Station machen.

Der Witz lag im Detail

Der Witz dieser Inszenierung liegt eher im Detail und in den fantasievollen Kostümen. Onkeln Droßlmeier, der das Nussknackgerät seiner Nichte zu Weihnachten schenkt, wedelt als komischer Vogel im Uhukostüm mit den Federn. „Buben“ – tatsächlich Männer in Strumpfhosen – verstricken sich mit gestreckten Spielzeugsäbeln in choreografierte Scharmützel. Ein frivoles Kindermädchen tobt und scherzt schulterfrei über die Bühne. Verspielt wirken auch die Tänze, mit denen Meister Tschaikowsky auf Musikkulturen aus aller Welt anspielt. So tanzen chinesische Damen, dann Franzosen, Araber, Russen mit Schiebermützen – und am Ende alle Hand in Hand. Zeitlos elegant ist Tschaikowskys Musik in jeder Note – doch diese Noten tönen hier leider aus der Konserve. Es raubt jeden Zauber, wenn die Piccolo allzu schrill pfeift oder die Posaunen vom Band die Boxen zum scheppern bringen.

„Bolschoi“ trägt die Truppe im Namen – ein Titel, mit dem sich gut werben lässt. Er steht für Tradition. Tatsächlich sieht sich die Kompanie der großen russischen Ballettkunst verpflichtet. Das Wissen um den richtigen Dreh auf Zehenspitzen, um Positionen und Figuren, wird in dieser Linie weitergereicht von Schule zu Schule. Der Rahmen der Choreografie ist dabei so eng gesteckt, wie die Kostüme von Nussknacker und Clara geschneidert sind. Zunächst lassen sich die Tänzer aus Belarus auf keine allzu waghalsigen, hohen Sprünge ein. Keine Experimente. Schwerelos wirkt der Tanz erst ab dem Pas de deux, den Clara und der Nussknacker zelebrieren – mit Hebefiguren, die kurz die Schwerkraft auszuhebeln scheinen. Bravorufe erntet das Paar von einigen Zuschauern – andere zogen nach dem letzten Ton schnell davon.

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