Neue „Stolpersteine“ halten Erinnerung wach

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Ludger Möllers

An zehn Opfer des NS-Regimes erinnern seit Montag weitere „Stolpersteine“. Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der bereits 55000 Steine verlegt hat, setzte die mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Betonquader an vier verschiedenen Stellen im Stadtgebiet. Oberbürgermeister Ivo Gönner mahnte, zu einer „Kultur der Normalität“ zurückzukommen. Derzeit würden viele Probleme überbewertet.

Dass das Haus Susoweg 17 eine besondere Geschichte hat, erfahren die heutigen Bewohner vor einiger Zeit erst aus der Zeitung. Hier hat in den 30er- und 40erJahren die jüdische Familie Zürndorfer gewohnt. Fanny Zürndorfer, Jahrgang 1871, wurde am 29. September 1942 im KZ Treblinka ermordet. „Als Eva Nimrich und Dietmar Schlecht-Nimrich, die heute im ehemaligen Haus der Familie Zürndorfer leben, mit der Geschichte des Gebäudes konfrontiert wurden, sagten sie uns sofort ihre Hilfe zu, recherchierten und haben die heutige Feier mitgestaltet“, erklärt Martin König vom Verein „Initiative Stolpersteine für Ulm“ am Montag. An jedem der vier Erinnerungsorte werden Kurzbiographien der Opfer verlesen, Gedenkminuten und die Gelegenheit, Blumen abzulegen oder schlicht zu schweigen, folgen.

Ivo Gönner dankt in seiner kurzen Rede den Initiatoren und Paten der Aktion. Er mahnt an, die aktuellen Aufgeregtheiten nicht überzubewerten, um bei wirklichen Missständen „aufzustehen, die Meinung zu sagen und Haltung zu bewahren.“

Die Initiative lebe davon, dass immer wieder Einzelschicksale wie das der Fanny Zürndorfer recherchiert würden, dann könne man auch „Stolpersteine“ verlegen, so König.

Die aus Heidelsheim bei Bruchsal stammende Fanny Zürndorfer kam 1930 nach dem Tod ihres ersten Mannes zusammen mit Tochter Ruth nach Ulm und heiratete den Pelzhändler Fritz Hilble. Später musste Fanny „in den Schutz der jüdischen Gemeinde Rexingen“ umziehen, wie Eva Nimrich herausfand. 1939 wurde die verwitwete Fabrikantenfrau gezwungen, ins Zwangsaltersheim Herrlingen umziehen, 1942 ins Schloss Oberstotzingen. Von dort wurde sie nach Theresienstadt, dann nach Treblinka deportiert, wo sie ermordet wurde.

Fanny Zürndorfers Tochter Ruth, deren Ehemann Max und Sohn Jona überlebten.

Nicht alle Schicksale sind so genau erforscht wie das der Fanny Zürndorfer. Aber sie rühren ebenso an: Mathilde Fischer, die im Haus Neue Straße 32 wohnte, wurde 1904 geboren, war durch eine Frühgeburt psychisch und physisch nur eingeschränkt belastbar. 1937 wurde sie krank und kam in die Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall. Sie wurde im Jahr 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. Für die durch das NS-Regime veranlassten Krankenmorde ab 1940 sind in der Geschichtsschreibung häufig die Begriffe „Euthanasie“-Morde oder der anfänglich benutzte Deckname „Aktion T4“ zu finden.

Ein ähnliches Schicksal erlitt Bertha Rabausch, die im Haus Küfergasse 1 lebte, bevor sie 1929 in die Landesfürsorgeanstalt Oberer Riedhof vor den Toren Ulms gebracht wurde. Dort stellte man eine psychische Erkrankung fest: 1940 wurde Bertha Rabausch in Grafeneck vergast.

Gleich sechs „Stolpersteine“ liegen vor dem Haus Frauenstraße 134. Heute ist dort eine Kunstschule untergebracht, an die Geschichte als „Garnisons-Arresthaus“ erinnerte bisher nur eine Tafel. Nun aber halten die Messingplatten mit den Namen von Reinhold Bürkle, Jakob Eckstein, Kurt Henne, Richard Stemmle, Karl Westerich und Curt Erich Riesterer das Gedenken an sechs Männer wach, die als Deserteure in diesem Haus verurteilt und im Lehrer Talhingerichtet wurden.

Im Frühjahr 2016 geht die Aktion weiter

Nach der vierten Station sieht man Gunter Demnig die Anstrengung an: Der 67-Jährige, der seit 1997 „Stolpersteine“ verlegt und im Jahr an über 260 Tagen unterwegs ist, reißt jeweils persönlich das Pflaster auf, passt die Steine persönlich ein und legt sie in Beton. An diesem Tag hat er bereits in Neu-Ulm Steine für zehn NS-Opfer gesetzt. Er will das Gedenken in die Städte tragen: „Auschwitz war der Ziel- und Endpunkt, aber in den Wohnungen und Häusern begann das Unfassbare, das Grauen“, hat er vor einiger Zeit begründet.

Im Frühjahr kommenden Jahres will Demnig wieder in Ulm sein und weitere „Stolpersteine“ verlegen. Martin Könog von der Initiative „Stolpersteine für Ulm“ bittet zur Vorbereitung um Mithilfe: „Wir würden uns freuen, wenn wir Spenden erhielten, aber wir brauchen auch Hilfe im Archiv oder bei der Gestaltung der Feiern.“ Wer beispielsweise das Schicksal weiterer NS-Opfer recherchieren könne, der trage viel dazu bei, das Gedenken lebendig zu halten.

Kontaktadressen gibt es auf der Homepage www.stolpersteine-fuer-ulm.de.

Ein TV-Beitrag über die Verlegung der Stolpersteine wird am Dienstag ab 18 Uhr im Sender RegioTV Schwaben ausgestrahlt.

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