Neue Impulse zur Erforschung seltener Nervenerkrankungen

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Der Neurologe Andreas Funke untersucht die Muskulatur eines ALS-Patienten: Die Erforschung dieser seltenen Krankheit wird nun in
Der Neurologe Andreas Funke untersucht die Muskulatur eines ALS-Patienten: Die Erforschung dieser seltenen Krankheit wird nun in Ulm deutlich gestärkt. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Rätselhaft und quälend: Nervenerkrankungen wie ALS oder Huntington sind bislang nicht heilbar. Bei der Suche nach Ursachen und Therapien werden vom Universitätsstandort Ulm wichtige Impulse erwartet. Die Universitätsstadt an der Donau wurde am Mittwoch offiziell zu einem weiteren, dem zehnten Sitz des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erklärt. Damit erhalten die beteiligten Einrichtungen - die Universität und das Universitätsklinikum sowie die Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm (RKU) - Fördergelder des Bundes und des Landes. Sie sollen ihre Forschungsergebnisse möglichst rasch in die klinische Praxis einbringen.

Der Rahmen für den Festakt könnte feierlicher nicht sein: Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) ist angereist, aus Rom hat sich Annette Schavan, frühere Bundesministerin für Bildung und Forschung und heute Botschafterin beim Heiligen Stuhl auf den Weg nach Ulm gemacht. Denn in Schavans Amtszeit bis 2013 fielen die ersten Weichenstellungen für den DZNE-Standort Ulm. Alle Festredner betonen an diesem Mittwochabend den langen Weg bis zur Vertragsunterzeichnung.

Im Mittelpunkt des DZNE stehen seltene und besonders komplizierte Erkrankungen. Dazu gehört die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), unter der – als wohl bekanntester Patient – auch der britische Astrophysiker Stephen Hawking leidet. Infolge von ALS gehen Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark zugrunde, die für die Steuerung der Muskeln zuständig sind. Neurodegenerative Erkrankungen können Demenz verursachen, Bewegungsstörungen auslösen und die Gesundheit auch in anderer Weise massiv beeinträchtigen. Bisherige Therapien können zwar Symptome lindern, den Verlauf dieser Erkrankungen aber nicht nachhaltig beeinflussen.

Als der Ärztliche Direktor der Ulmer Uniklinik für Neurologie und Sprecher des neuen Standorts, Professor Dr. Albert Ludolph, sein Grußwort spricht, wird es im Saal ruhig. Ludolph hat ein Video mitgebracht, das Betroffene zu Wort kommen lässt, die sich vom neuen DZNE-Standort viel versprechen. Beispielsweise Jutta Schiel von der „Initiative Therapieforschung ALS“. Die Gruppe hat sich Anfang Juli 2009 aus dem Freundeskreis eines ALS-Patienten gegründet. Schiel berichtet: „Als mein Mann an ALS erkrankte, hat er sich vorgenommen, die ALS-Forschung deutlich zu fördern.“ Die Entwicklung einer Therapie gegen ALS müsse endlich als gesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden. die erforderlichen Mittel für eine gezielte Forschung sollen auch in Deutschland bereitgestellt werden.

Forschungsergebnisse schnell in Anwendungen überführen

Mit der Ulmer Gründung kommt die Forschung weiter: „Der Fokus des DZNE-Standorts Ulm wird auf translationaler Forschung liegen – also darauf, wissenschaftliche Ergebnisse möglichst rasch in die klinische Anwendung zu überführen, damit Patienten davon profitieren können“, sagt Dirk Förger, der Pressesprecher der DZNE.

Gute Voraussetzungen dafür ergeben sich durch die Einbindung von Ulm in das bundesweite klinische Netzwerk des DZNE mit 1100 Mitarbeitern, das standortübergreifende Studien betreibt. Förger: „Da solche Untersuchungen nicht lokal begrenzt sind, ermöglichen sie einen umfangreichen Teilnehmerkreis und infolgedessen eine besonders hohe statistische Aussagekraft. Zur Entwicklung neuer Diagnose- und Therapiemethoden können sie daher wesentlich beitragen.“

Konkret werden sich die Ulmer Fachleute des DZNE unter anderem damit befassen, sogenannte Biomarker zu identifizieren. Anhand solcher biologischen Merkmale lässt sich eine Erkrankung idealerweise frühzeitig erkennen und abschätzen, wie sie weiter verlaufen wird. Förger erklärt: „Biomarker sind daher wichtige Elemente einer zielgerichteten Behandlung. Überdies sollen Therapiekonzepte erforscht werden, die bei krankmachenden Gendefekten ansetzen.“

In den nächsten Jahren soll der Ulmer Mitarbeiterstab des DZNE auf bis zu 50 Personen anwachsen. Einbezogen werden auch Wissenschaftler, die schon jetzt in Ulm tätig sind. Langfristig soll ein eigenes Forschungsgebäude entstehen.

Nach einer Übergangsphase werden das BMBF und das Land Baden-Württemberg den DZNE-Standort Ulm ab 2021 gemeinsam mit jährlich bis zu drei Millionen Euro fördern. Auch die Ulmer Partner (Universität, Universitätsklinikum und die Medizinische Fakultät) werden für den Aufbau einen substanziellen Millionenbetrag bereitstellen.

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