Neue Ausstellung widmet sich dem menschlichen Wunsch der Optimierung

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 Was bringt die Zukunft? Die Verschmelzung von Mensch und Robotik. Diesen Fragen stellt sich der Betrachter bei diesem Bild
Was bringt die Zukunft? Die Verschmelzung von Mensch und Robotik. Diesen Fragen stellt sich der Betrachter bei diesem Bild (Foto: Omkaar Kotedia)
Florian L. Arnold

Zur Ausstellung ist ein bebilderter Katalog erschienen. Ein umfangreiches Programm an Sonderveranstaltungen, Vorträgen, Führungen ergänzt die Ausstellung, die bis zum 13. Dezember 2020 im Museum Ulm zu sehen ist.

Wer den Normen menschlichen Aussehens nicht genügt, muss es in früheren Zeiten sehr schwer gehabt haben. Und es waren nicht wenige, die wegen kriegerischer Auseinandersetzungen, Krankheit, schlechter Ernährungs- und Gesundheitslage Gliedmaßen einbüßten. So kam, kaum erstaunlich, früh die Idee auf, verlorene oder fehlende Gliedmaßen zu ersetzen.

 Was bringt die Zukunft? Die Verschmelzung von Mensch und Robotik. Diesen Fragen stellt sich der Betrachter bei diesem Bild
Was bringt die Zukunft? Die Verschmelzung von Mensch und Robotik. Diesen Fragen stellt sich der Betrachter bei diesem Bild (Foto: Omkaar Kotedia)

Als also Alfred Berblinger (der „Schneider von Ulm“) 1809 seine „künstliche Fußmaschine“ mit beweglichen Gliedern für die versehrten Soldaten der napoleonischen Kriege ersann, war er zwar ein Pionier im Ansinnen, eine möglichst natürliche Anmutung und Verwendung einer Prothese zu erreichen. Er erfand somit den Grundentwurf für moderne Beinprothesen – aber er stand dabei in einer bereits langen Linie von Versuchen, verlorene Glieder zu ersetzen. Die Ausstellung „Transhuman. Von der Prothetik zum Cyborg“ nimmt Berblinger zum Anlass, die Geschichte beweglicher Prothesen bis zur Gegenwart – und weit darüber hinaus – zu betrachten.

Geschmiedete Monstrosiäten

Eine kultur- und medizinhistorische Betrachtung bietet diese Ausstellung mit Exponaten, die einen schauern lassen: Geschmiedete Monstrositäten stellten einst Arme, Beine, Füße nach, so ist etwa eine Nachbildung der künstlichen Hand des Ritters Götz von Berlichingen zu sehen. Hier ging es noch nicht um die Überwindung der natürlichen Grenzen des Körpers und „seiner Erweiterung in Richtung Unsterblichkeit“ (Museumsdirektorin Stefanie Dathe), sondern um das Ausgleichen eines Verlustes. Verluste von Gliedmaßen in nie gekanntem Ausmaß dokumentieren etwa Kunstwerke und Archivalien aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wie Alexander Kluges in der Ausstellung gezeigter Film „Die 95 Prothesen von Verdun“ zeigt.

Ein künstliches Rückgrat: „Spine 2.0“ von Igor Simic.
Ein künstliches Rückgrat: „Spine 2.0“ von Igor Simic. (Foto: Florian Arnold)

Heinrich Horle etwa gestaltete ein eindringliches Flugblatt: „Helft dem Krüppel“. Krüppel war damals der ganz gängige Begriff für die Massen im Krieg verstümmelter Männer, für die eine Teilnahme am sozialen Leben und in geordneten Verhältnissen beinah undenkbar war. Daran änderte beispielsweise die „Ulmer Faust“ des Ulmer Herstellers Ulrich wenig – nur einer von vielen ästhetisch und funktionell mangelhaften Versuchen, Gliedmaßen zu ersetzen. Heute sind die Möglichkeiten erheblich weiter entwickelt, auch die psychischen und gesellschaftlichen Perspektiven in Bezug auf fragmentierte Körper sind anders. Man kommt zunehmend weg von einem Denken in Kategorien von „Makel“ und Mangel“ hin zu neuen ästhetischen Erwägungen, wie Kunstwerke in der Ausstellung belegen.

Aus Operation wird ein künstlerisches Konzept

Mari Katayama gehört zu den neuen Kunststars, die über soziale Medien berühmt wurden. Ihre Unterschenkel wurden im Kindesalter amputiert; als Erwachsene machte sie daraus ein künstlerisches Konzept, indem sie ihre Beinstümpfe sichtbar machte. Entweder zeigt sie sich als üppiges Tableau-vivant, in dem die junge Frau sehr deutlich ihre Andersartigkeit vorzeigt – oder sie näht sich fantasievolle Ergänzungen, die sich mal als medusenhafter Gliedmaßenwucher zeigen oder als erotisch angehauchte Irritation.

 Mari Katayamas „Bystander #016“ spielt mit Irritationen.
Mari Katayamas „Bystander #016“ spielt mit Irritationen. (Foto: Museum Ulm)

In diese Richtung arbeitet auch die 1976 geborene Aimee Mullins, die ihre fehlenden Schenkel durch künstlerisch gestaltete Glieder aus unterschiedlichsten Materialien ersetzt. Mal sind das für Alexander McQueen gestaltete Beine aus kunstvoll verziertem Eschenholz, ein anderes Mal Glasbeine, die man in Matthew Barneys Film „Cremaster III“ bestaunen kann. Hier wird die Prothese nicht mehr als müder Ersatz, sondern, so Museumschefin Stefanie Dathe, als „eine Form des Brandings, der eigenen Besonderheit“ genutzt.

Durch Ergänzung perfektionieren

Dieses „Phänomen unserer Zeit“ (Dathe) findet weite Beachtung und Katayama und Mullins sind nur zwei Exponenten einer regelrechten Bewegung, die den eigenen Körper als Kunstwerk begreift, das man optimieren und durch „Ergänzungen“ perfektionieren kann. Und hier setzt der dritte und vielleicht spannendste Teil der Schau an: Wohin kommen wir als physische Wesen, wenn immer mehr Körperteile ersetzt, ergänzt, optimiert werden? Da sieht man synthetische Augenlinsen, die das Auge bislang unsehbares erblicken lassen, etwa Gaspartikel oder UV-Strahlung. Ein Sensor kann Berührung über Distanz ermöglichen. Eine künstliche Gebärmutter übertrifft (zumindest in der Erwartung der Entwickler) das organische Original. Schöne neue (Körper-)Welt?

„Künstliche Fußmaschine“, Skizze des Berblingers, 1809.
„Künstliche Fußmaschine“, Skizze des Berblingers, 1809. (Foto: Museum Ulm)

Was in Igor Simic’ „Spine 2.0“ noch ein künstlerisches Konzept mit leichtem Horrorfaktor ist, nämlich ein künstliches Rückgrat, das „zum Aufbau tugendhaft integrer Führungskompetenzen“ führen soll, wird in den Laboren der „Transhumanisten“ bereits auf Umsetzbarkeit hin entwickelt. „Eine Zukunft auf Probe“ also, in der die Gegensätze von Mensch und Maschine verwischen und technische wie auch ethische Fragestellungen einer „über die Natur hinausreichenden“ Körperoptimierung auf Antwort warten.

Gabriele Reichert, Professorin für Transhumanismus im Studiengang „Strategische Gestaltung“ an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd erörtert mit ihren Studenten genau diese Frage jeden Tag: „Folgenabschätzung und die Frage, was übermorgen sein wird, wie Body Enhancement das menschliche Dasein verändern wird, das begleitet unsere Arbeit täglich.“

Durchaus lassen manche Exponate und Konzepte in der sehenswerten Schau einen kühlen Schauer entlang des noch ganz und gar natürlichen Besucherrückens hinabwandern. Man denkt an entseelte Cyborgs aus Science-Fiction-Büchern und -filmen, an eine Gesellschaft, die in optimierte und in natürliche Menschen zerfällt.

Menschsein ist das, was man daraus macht. Was wir einmal sein werden, wird in diesen Tagen bereits entschieden. Wie der Mensch 2.0 sein wird, wissen wir (noch) nicht.

Zur Ausstellung ist ein bebilderter Katalog erschienen. Ein umfangreiches Programm an Sonderveranstaltungen, Vorträgen, Führungen ergänzt die Ausstellung, die bis zum 13. Dezember 2020 im Museum Ulm zu sehen ist.

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